USA bleiben noch lange strukturell attraktiver als Europa

Benjamin Bente, Vates Invest GmbH
Benjamin Bente, Vates Invest GmbH
Europäische Aktien haben in diesem Jahr gegenüber US-Werten gut abgeschnitten. Ein Grund für manchen Analysten, eine nachhaltige Trendwende auszurufen, einen Favoritenwechsel von US- zu Europa-Titeln. Doch dafür ist es nicht nur zu früh, es ist darüber hinaus überhaupt nicht absehbar, dass sich die Gewichte zwischen Europa und den USA verschieben. Das US-amerikanische System ist deutlich besser aufgestellt als das europäische – und wird deshalb auch an den Börsen langfristig die Nase vorne haben.
Der Favoritenwechsel wurde dabei mit schöner Regelmäßigkeit in den vergangenen zehn Jahren immer wieder prognostiziert. Doch eingetreten ist er nie. Europäische Aktien sind zwar derzeit günstig verglichen mit US-Titeln, doch das waren sie auch die vergangenen zehn Jahre schon. Ein Trendwechsel hin zu Europa ist dabei aus mehreren Gründen unwahrscheinlich.
 
Zum einen haben es die Europäer in den vergangenen Jahrzehnten nicht vermocht, in nennenswerten technologischen Zukunftsindustrien dominante Weltmarktführer zu produzieren. Innovationen und Disruptionen der vergangenen Jahrzehnte kamen immer aus den USA. Und entsprechend sind hier Unternehmen entstanden, die in der Lage sind, irrsinnige Werte zu generieren, Gewinnmargen und Gewinnwachstum zu produzieren, die alles in den Schatten stellen. Dazu kommt, dass ein Aktienindex wie der S&P 500 genau solche Werte auch sucht und abbildet, während die europäischen Indizes sich mit herkömmlichen Industrien begnügen. Daher ist der große Performance-Abstand verständlich.
 
Ein weiterer Grund ist die Demographie. Langfristiges Wachstumspotenzial hängt immer mit der demografischen Entwicklung zusammen. Die ist grundsätzlich nirgendwo in den westlichen Staaten richtig vorteilhaft, wird aber von Ost nach West zunehmend vorteilhafter: In Japan ist sie am schlechtesten, in Europa liegt sie im Mittelfeld und gerade auch aufgrund von Arbeitskraftzuwanderungen in den USA relativ gesehen besser.

Europa straft - USA fördert

Doch auch aus einem dritten Grund ist kein Aufholen Europas zu erwarten: Die strukturelle Dysfunktionalität des politischen Systems in Europa wird oft unterschätzt. Es ist volkswirtschaftlich immer sehr problematisch, wenn die Zuständigkeiten für die Währungspolitik und für die Fiskalpolitik auseinanderfallen. So gibt es zwar eine europäische Währung, aber eine nationale Fiskalpolitik und das schränkt die Reaktionsgeschwindigkeit, aber auch die Schlagkraft einer potenziellen politischen Reaktion stark ein. Das haben wir besonders in den letzten Krisen, die immer auch US-Krisen gewesen sind, gesehen. Immer kamen die Europäer schlechter aus dem Krisenmodus heraus als die USA.
 
Aber auch in Zeiten von Transformationen zeigt sich dieses sehr unterschiedliche Politiksystem. Während Europa auf die Klimatransformation mit kleinteiliger bürokratischer Regulierung reagiert, die Bürger und Unternehmen stark belastet, gehen die USA einen anderen Weg: Mit dem Inflation Reduction Act haben die USA ein Instrument geschaffen, das die Industrien, die dem Klimawandel begegnen können, mit positiven Subventionen lockt. Europa versucht, die Industrien, die CO2 erzeugen, zu bestrafen. In den USA lockt und belohnt man diejenigen, die den Klimawandel durch technologische Innovationen gestalten können.

Banken als Kurstreiber

Selbst die konkrete Betrachtung der europäischen Kurs-Aufholjagd zeigt den Unterschied. Es waren vor allem europäische Banken, die diese Outperformance getrieben haben. Die stellen das krasse Gegenteil zu irgendwelchen KI-Disruptoren dar. Banken fahren ein Geschäftsmodell, das sich langfristig immer stärkerer Regulierung und immer stärkeren Margeneinbußen gegenübersehen wird. Es ist im Grunde old, old, old economy und dementsprechend ist es sehr fraglich, ob die Kursgewinne in den europäischen Indizes wirklich mehr als ein temporärer Rebound sind.
 
Das alles spricht dagegen, dass es zu einem langfristigen Trendwechsel zwischen europäischen und amerikanischen Aktien kommen könnte. Ein Umschichten ist kaum sinnvoll. Es ergibt mehr Sinn, sich in Märkten zu bewegen, die langfristig strukturelle Vorteile haben. Und das sind im Verhältnis zu Europa aus unserer Sicht weiterhin die USA.
Benjamin Bente ist Geschäftsführer & Leiter Portfoliomanagement bei Vates Invest GmbH. Der
Diplom Kaufmann der Universität Mannheim ist nach Stationen bei der UBS Deutschland AG, der Bank Julius Bär (Europe) AG einer der Gründer der Vates Invest GmbH, die auf börsentägliche quantitative Analysen des monetären, konjunkturellen und sentimenttechnischen Umfelds spezialisiert ist. Bente ist Mitglied des Investmentkomitee der FOCAM AG.

Im Artikel erwähnte Wertpapiere

UC S&P 500 N.A. N.A.
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