SI-Dilemma: Wie wichtig ist das G in ESG?

Rachel Whittaker, Robeco
Rachel Whittaker / Bild: Robeco
Bei Betrachtung des Angebots nachhaltiger Anlagestrategien auf dem Markt, könnte der Eindruck entstehen, dass das für Governance (Unternehmensführung) stehende G der sogenannten ESGKriterien (kurz für: environmental – social – governance) oft vernachlässigt wird. Es besteht Einigkeit über die finanzielle Wesentlichkeit, doch die Wesentlichkeit der Auswirkungen erfordert Urteilsvermögen. Das G ist eigentlich überall – eine notwendige Grundlage für SI-Strategien.
Umweltstrategien gibt es im Überfluss, soziale Strategien seltener – aber Governance-Strategien sind absolut selten. Dies könnte daran liegen, dass Unternehmensführung für jede Strategie wichtig ist und daher nicht als potenziell wertsteigerndes Thema erachtet wird. Nur wenige Anleger würden behaupten, dass die Bewertung der Unternehmensführung und der Qualität des Managements bei der Anlageentscheidung in jeder Anlageklasse keine Rolle spielen sollte. Dennoch ist die Bedeutung, die wir einer guten Unternehmensführung beimessen sollten, oft umstritten oder uneinheitlich. Es herrscht Uneinigkeit darüber, ob
eine schlechte Unternehmensführung direkte negative Auswirkungen auf die Nachhaltigkeit hat.

Unterschiedliche Perspektivent

Es gibt drei gängige Möglichkeiten, sich mit Unternehmensführung zu befassen: Erstens als aktiver Eigentümer, die sich für besser geführte Unternehmen einsetzen; zweitens bei der ESG-Integration aus finanzieller Sicht; und drittens als nachhaltige Anleger aus der Perspektive der Wesentlichkeit der Auswirkungen.
 
Als aktive Eigentümer setzen wir uns bei den Unternehmen, in die wir investieren, routinemäßig für eine gute Unternehmensführung ein. Hier gibt es zwei Blickwinkel. Zunächst müssen wir herausfinden, ob die Unternehmen Mindeststandards der Unternehmensführung erfüllen. Dann können wir feststellen, welche Unternehmen bewährte Praktiken aufweisen, die wir idealerweise in unsere Portfolios aufnehmen möchten, oder die unserer Meinung nach die zukünftigen finanziellen Erträge der Unternehmen tatsächlich unterstützen würden.

Mindeststandards oder bewährte Praktiken

Ein Ansatz mit Mindeststandards kann dazu beitragen, die schlimmsten Formen der Unternehmensführung zu vermeiden. Diese bringen das Risiko erheblicher Fehler mit sich, die die Zukunft des Unternehmens gefährden können. Wir sollten realistischerweise von allen Investitionen erwarten, Mindeststandards zu erfüllen.
 
Bewährte Praktiken sind viel seltener. Viele Unternehmen in allen Regionen und Sektoren entsprechen nicht dem „Goldstandard“, haben aber einen Ansatz, der gut genug ist, um ein akzeptables Anlagerisiko darzustellen oder nicht von einer positiven Auswirkung auf die Nachhaltigkeit oder einer profitablen Anlagemöglichkeit abzuhalten. Dennoch gilt es hier einige Nuancen zu beachten und es ist Urteilsvermögen gefragt. In einigen Sektoren und Ländern ist es zum Beispiel üblich, dass Unternehmen in Familienbesitz sind, und die Unabhängigkeit der Vorstände kann geringer erscheinen, als das, was normalerweise als optimal gilt. Die Forschung legt jedoch nahe, dass Familienbesitz auch Vorteile birgt und mit höheren Aktionärsrenditen korreliert sein kann, jedoch auf einem höheren Niveau negativ werden könnte.
 
Die Nuance liegt darin, das optimale Niveau des Familienbesitzes zu bestimmen. Letztendlich müssen Anleger ihre eigenen Risikoeinschätzungen vornehmen. Eine Anlage, die für ein Portfolio geeignet ist, muss es nicht für ein anderes sein.

Positive Korrelation für Unternehmensführung und finanzielle Wesentlichkeit

Aus Sicht einer finanziellen Wesentlichkeit gibt es mehr Übereinstimmung. Wissenschaftlich wird auf positive Zusammenhänge zwischen Praktiken der guten Unternehmensführung und verschiedenen Formen der Wertschöpfung hingewiesen.
 
Untersuchungen, die vom Berater für Stimmrechtsvertretung Institutional Shareholder Services unterstützt werden, haben eine direkte Korrelation zwischen einer starken Unternehmensführung und hohen Aktionärsrenditen, Rentabilität, Dividendenausschüttungen und -renditen sowie einem geringen Risiko festgestellt. Bilanzskandale, Bestechungsfälle und Machtmissbrauch durch das Management lassen sich häufig auf schlechte Praktiken in der Unternehmensführung zurückführen, was zu erhöhter Unsicherheit und suboptimalen finanziellen Ergebnissen führt. Auch wenn wir nicht behaupten können, dass ein Unternehmen mit einer starken Unternehmensführung immer besser abschneidet, gibt es gute Gründe für alle Anleger, darauf zu achten.

Auswirkungen der Unternehmensführung auf die Nachhaltigkeit sind kaum erforscht

Bei der Bewertung des Einflusses von Unternehmen auf Nachhaltigkeit liegt der Schwerpunkt in der Regel auf Produkten und Betrieb, weniger auf Managementpraktiken. Bislang gibt es kaum Belege dafür, dass bewährte Praktiken in der Unternehmensführung zu mehr positiven Auswirkungen führen, als dies sonst der Fall wäre. Die Ansicht, dass eine
schlechte Unternehmensführung negative Auswirkungen haben könnte, ist weiter verbreitet, obwohl keine klare Einigung über den Mechanismus zu deren Bewertung besteht. Auch hier ist das Urteilsvermögen der Anleger gefragt.
 
Tesla zum Beispiel ist ein oft diskutiertes Beispiel für ein Unternehmen, das die allgemein anerkannten Standards der Unternehmensführung nicht erfüllt, obwohl seine Produkte eine Rolle beim Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft spielen. Wir haben (noch) keine allgemein anerkannte Methode, um zu bewerten, ob eine schlechte Unternehmensführung die positiven Auswirkungen von Produkten beeinträchtigt. Daher wird Tesla in einige nachhaltige Portfolios aufgenommen, aus anderen jedoch ausgeschlossen. Das macht es nicht falsch – es handelt sich lediglich um eine andere Interpretation oder Philosophie.

Unternehmensführung bildet eine notwendige Grundlage

Im SI-Bereich wird Nachhaltigkeit oft als Indikator für gutes Management angesehen. Auch das Gegenteil könnte zutreffen – eine gute Unternehmensführung könnte darauf hindeuten, dass ein Unternehmen in der Lage ist, alle Bereiche gut zu bewältigen, einschließlich der ESG-Faktoren. In der Tat könnte eine gute Unternehmensführung als die notwendige Grundlage für alle nachhaltigen Unternehmen sowie für alle nachhaltigen Anlagestrategien angesehen werden. Das G mag oft vernachlässigt werden, aber in der Praxis ist es überall zu finden.
Rachel Whittaker ist Leiterin des SI Research bei Robeco

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