Jahresauftakt 2023: Geduld vor dem Ende des Tunnels gefragt

Christian Nemeth und Herbert Lindner, Zürcher Kantonalbank Österreich
Christian Nemeth / Bild: Zürcher Kantonalbank Österreich
Nach einem aus Anlegersicht quer über alle Assetklassen ernüchternden Vorjahr ist 2023 endlich wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen. So lautete die Einschätzung der auch in Süddeutschland tätigen Zürcher Kantonalbank Österreich AG bei der Jahresauftaktveranstaltung der Privatbank am 19. Jänner im Kavalierhaus Klessheim in Salzburg. Die Inflation sinkt allmählich, auch weil die Notenbanken noch einmal versuchen, diese mit aller Kraft nach unten zu drücken. Im zweiten Halbjahr könnten dann die zu erwartende Zinserhöhungspause der Notenbanken und die Rückkehr vieler Volkswirtschaften aus der Rezession für Auftrieb und einen deutlich niedrigeren Puls bei Anlegern sorgen.
Vlnr: Christian Nemeth, Hermann Wonnebauer (Zürcher Kantonalbank Österreich); Christoph Schenk (Zürcher Kantonalbank, Zürich); Herbert Lindner (Zürcher Kantonalbank Österreich)
Das erste Halbjahr 2023 wird eindeutig noch durch Volatilität gekennzeichnet sein. Die Sichtweite ist weiterhin eingeschränkt, denn die Zinserhöhungen gehen weiter, wenn auch mit niedrigem Tempo. Die Notenbanken sind noch nicht ganz fertig mit ihrer Arbeit.
Anleger fahren angesichts des aktuellen Umfelds am besten, wenn Sie noch ein wenig die Füße stillhalten. Es lohnt sich, der Strategie treu zu bleiben, um danach die Früchte zu ernten. Auf lange Sicht zahlt sich Geduld bei der Geldanlage immer aus. Denn wer das Ruder zu früh herumreißt, verpasst meistens die Erholungskurve der Märkte.

Vermächtnis der „4 Ds“ – moderate Inflation bleibt

Die Inflation geht zurück, die Hauptgründe hierfür liegen in der Notenbankpolitik, den sich auflösenden Lieferkettenproblemen und Basiseffekten. Eines ist jedoch klar: Aufgrund langfristig wirkender struktureller Faktoren wird die Inflation nicht auf das niedrige Niveau der letzten Jahre zurückfallen.
 
Die zunehmende Deglobalisierung, die von den Versorgungsengpässen in der Pandemie, dem Krieg in der Ukraine und dem Handelskonflikt zwischen den USA und China befeuert wurde, verteuert u.a. den Güter- und Dienstleistungsverkehr. Die Dekarbonisierung führt zu höheren Ausgaben bei Energiealternativen und dem Infrastrukturaufbau. Die Verteidigungsausgaben (Defense) erhöhen sich als Reaktion auf den Ukraine-Krieg. Die darin begründeten Investitionen lassen die Preise von Kapitalgütern steigen. Die Demografie spielt der strukturellen Inflation ebenfalls in die Karten, da die Lohn-Preis-Spirale angetrieben wird. Es fehlt an qualifiziertem Personal, um große Projekte wie u.a. die Energiewende zu stemmen. Diese vier Faktoren tragen zur strukturellen Inflation bei.

Positive Effekte im zweiten Halbjahr

Unabhängig davon sieht der Finanzausblick für das zweite Halbjahr 2023 deutlich besser aus: Viele Volkswirtschaften – vor allem Europa und Großbritannien – sollten dann aus der milden Rezession kommen. Die USA liegen im Konjunkturzyklus etwas zurück, der weltgrößten Volkswirtschaft könnte noch eine holprige Phase und schlimmstenfalls ebenfalls eine Rezession bevorstehen. Die Notenbanken werden nach letzten Zinsschritten vermutlich eine Pause einlegen, bevor sie dann 2024 erste Zinssenkungen vornehmen könnten. Diese positiven Effekte sollten im zweiten Halbjahr bei den meisten Assetklassen für Unterstützung sorgen.
 
Zwei Themen, die 2022 geprägt haben, sind der Ukraine-Krieg und die damit in Verbindung stehende Energiekrise. So schlimm der Krieg in menschlicher Hinsicht ist, sind aktuell keine großen globalen Auswirkungen zu erwarten. Wie auch andere bestehende Konflikte ist der Ukraine-Krieg zu einem gewissen Grad von den Finanzmärkten eingepreist und sorgt nicht mehr so schnell für kursrelevante Überraschungen.
 
Die Energiepreiskrise wurde stark von bestehenden Ängsten geschürt. Sie hat keine globale Tragweite, die Abhängigkeit von russischem Gas ist ein europäisches Problem, aber auch hier gibt es große regionale Unterschiede. Die europäischen Länder westlich von Deutschland sind dank Offshore-Lösungen, Atomkraft oder Flüssiggasterminals wesentlich unabhängiger. Den USA ist es gelungen, die Lehren aus früheren Auswirkungen von Energiekrisen (Ölpreisschocks 1973/74 und 1979/80) zu ziehen und haben seitdem auf diesem Gebiet eine starke Stellung mit großer Unabhängigkeit erzielt.

Die Rückkehr der Anleihen

Anleihen sind nach dem letztjährigen enormen Renditeanstieg wieder attraktiv. Die Zeiten von massenhaft negativen Renditen sind vorbei, mittlerweile haben die Anleiherenditen bereits wieder die Dividendenrenditen von Aktien überholt. Die wichtigste Botschaft angesichts der bestehenden Inflation ist: Nicht nur die Nominalrenditen, sondern auch die langfristigen Realrenditen von Anleihen kommen wieder in den positiven Bereich.
 
Auch auf der Aktienseite bestehe Grund zum Optimismus, niedrige Bewertungen wie etwa in Europa machen einen Einstieg attraktiv. Die Zürcher Kantonalbank Österreich ist derzeit bei Aktien neutral positioniert, wobei Europa auch aufgrund der niedrigen Bewertungen übergewichtet ist, und die USA untergewichtet werden.

TINA von TAPAS abgelöst

Zum Asset-Mix ist zu sagen, dass das lange Zeit gültige TINA-Prinzip (There is no alternative) mit starkem Fokus auf Aktien sein vorläufiges Ablaufdatum erreicht hat, das neue Motto heißt TAPAS (There are plenty of alternatives). Eine gute Diversifizierung hilft, der vor allem im ersten Halbjahr 2023 noch zu erwartenden anhaltenden Volatilität zu begegnen.

Christian Nemeth ist Chief Investment Officer und Vorstandsmitglied der Zürcher Kantonalbank Österreich, Herbert Lindner, Direktor Private Banking, Leitung Salzburg.