Wie die Finanzbranche moderne Sklaverei bekämpfen kann

Saskia Kort-Chick und Hope Shewin, AllianceBernstein (AB)
Saskia Kort-Chick und Hope Shewin / Bilder: AllianceBernstein (AB)
Moderne Sklaverei ist als lukratives Geschäft auf unser Finanzsystem angewiesen. Doch in der Finanzbranche findet das Problem bisher wenig Beachtung. Vermögensverwalter spielen eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Geschäftspraktiken, die Verstöße gegen die Menschenrechte ermöglichen.
In jedem Jahr werden mehr als 40 Millionen Menschen weltweit Opfer von Zwangsarbeit, Schuldknechtschaft und Menschenhandel. Regierungen und Unternehmen verstärken ihre Bemühungen im Kampf gegen zahlreiche Formen der Ausbeutung im Geschäft und den Lieferketten verschiedener Branchen – vom Bergbau über die Landwirtschaft bis zum Einzelhandel. Trotz ihrer vielfältigen Erscheinungsformen zeichnet sich die moderne Sklaverei über alle Sektoren hinweg durch ein Merkmal aus: Sie wird durch massive Gewinne angetrieben, die durch die Ausnutzung schutzbedürftiger Menschen erzielt werden.

Finanzunternehmen sind erhöhten Risiken ausgesetzt

Eine Unterbrechung des Geldflusses ist die vielleicht effektivste Maßnahme, um diesem Übel den Kampf anzusagen. Doch der Finanzdienstleistungssektor wird nur von verhältnismäßig wenigen Menschen als mitverantwortlich für die Bekämpfung moderner Sklaverei betrachtet, und die Branche selbst misst dem Thema keine wesentliche Bedeutung bei (Abbildung). Bei einer Umfrage unter britischen Finanzinstituten im Jahr 2020 gaben 43 Prozent der Verwaltungsratsmitglieder an, dass ihnen die Unternehmenspolitik in Bezug auf moderne Sklaverei nicht bekannt sei. Mehr als zwei Drittel der Mitarbeiter gaben an, dass sie seitens der Unternehmensleitung bisher kaum oder gar nicht über das Thema informiert worden seien.
Bewusstseinsbildung beginnt damit, ein Problem als real anzuerkennen. Viele Menschen glauben, dass es in den Industrieländern keine moderne Sklaverei gibt. Das stimmt jedoch nicht. In Industrieländern ansässige Unternehmen greifen für die Produktherstellung und Materialbeschaffung häufig auf Länder zurück, in denen Ausbeutung allgegenwärtig ist. Wenn Sie den Weg der elektronischen Bauteile in Ihrem Smartphone, der Materialien Ihrer Kleidung oder der Zutaten in Ihren Lebensmitteln zurückverfolgen, stoßen Sie auf die Schicksale von schutzbedürftigen Frauen und Kindern, Wanderarbeitern und Minderheiten, die für einen Hungerlohn und oft unter unmenschlichen Bedingungen schuften. Sogar in den Industrieländern selbst leben und arbeiten viele Menschen unter Bedingungen, die unter den Begriff der modernen Sklaverei fallen.

Einige Finanzunternehmen sind der Ansicht, dass für sie keinerlei Risiken im Zusammenhang mit moderner Sklaverei bestehen. Schließlich gibt es strenge Auflagen zur Bekämpfung von Geldwäsche, nach denen Banken die Identität ihrer Kunden überprüfen und Screenings auf verdächtige Transaktionen durchführen müssen. Im Privatkundengeschäft filtern die Systeme regelmäßig Kreditkartentransaktionen heraus, die darauf hindeuten könnten, dass ein Kunde Geld im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch im Internet zahlt.

Doch aus Transaktionen resultierende Risiken machen nur einen kleinen Teil des Problems aus. Finanzinstitute vergeben Kredite an Unternehmen, die moderne Sklaverei möglich machen, und investieren in sie. Viele Banken achten trotz allem nicht auf dubiose Bargeldgeschäfte in einer Autowaschanlage oder einem Nagelstudio, die auf Ausbeutung hindeuten könnten. In der Regel führen sie auch keine tiefergehenden Recherchen im Hinblick auf die Lieferkette oder Auslandstätigkeiten eines Unternehmens durch, um Einzelheiten über die Beschaffung von Grundstoffen wie z. B. Kakao aus Westafrika oder Elektronikbauteilen aus Südostasien herauszufinden – Produkte, bei denen das Risiko von ausbeuterischen Herstellungspraktiken und Zwangsarbeit hoch ist.

Weitreichende Risiken für Marken und Unternehmen

Finanzunternehmen können es sich jedoch nicht leisten, die Augen vor der Realität zu verschließen. In einen Skandal im Zusammenhang mit Ausbeutung und Zwangsarbeit verwickelt zu werden, kann dem Ruf einer Marke ernsten Schaden zufügen – das gilt auch für Finanzunternehmen. So zahlte die australische Großbank Westpac im Jahr 2020 eine saftige Geldstrafe in Höhe von 1,3 Milliarden US-Dollar. Ihr wurde vorgeworfen, 250 Kunden bei der Geldwäsche unterstützt und sich damit indirekt an der Ausbeutung von Kindern beteiligt zu haben.

Doch es bestehen noch weitere Risiken: Angesichts des wachsenden öffentlichen Bewusstseins könnten Finanzinstitute Kunden verlieren, wenn sie das Problem nicht thematisieren und bekämpfen. Darüber hinaus müssen Unternehmen, denen eine Vernachlässigung ihrer Aufsichtspflicht nachgewiesen wird, mit rechtlichen Schritten und einer umfassenden Überprüfung ihrer Governance-Praktiken rechnen.

Wachsender regulatorischer Druck

Die Behörden gehen immer rigoroser gegen Ausbeutung, Zwangsarbeit und Menschenhandel vor. Im Vereinigten Königreich und in Australien wurden bereits Gesetze gegen moderne Sklaverei eingeführt – doch insgesamt lässt die Sensibilisierung für das Thema immer noch zu wünschen übrig. Wissenschaftliche Studien in beiden Ländern haben aufgezeigt, dass die Erklärungen von Unternehmen zur modernen Sklaverei unzureichend sind und dass die Umsetzung in Form konkreter Maßnahmen vielfach scheitert. Wie der Financial Reporting Council letzten Monat in einem Bericht feststellte, bieten weniger als die Hälfte der von ihm analysierten britischen Unternehmen eine „klare und umfassende Darstellung der Problematik der modernen Sklaverei im Zusammenhang mit ihrer Organisationsstruktur, ihren Betriebsabläufen und ihren Lieferketten“. Noch geringer ist der Anteil an Unternehmen, die von ihren Zulieferern eine Einhaltung von Standards mit Blick auf Menschenrechte und die Bekämpfung moderner Sklaverei verlangen.

Investmentgesellschaften können den Wandel vorantreiben

Finanzunternehmen sollten nicht auf Maßnahmen der Regulierungsbehörden warten. Unserer Ansicht nach empfiehlt es sich stattdessen, interne Systeme für die Meldung von Problemen in Verbindung mit moderner Sklaverei einzurichten. Bestehende Screening-Systeme zur Geldwäschebekämpfung lassen sich um Indikatoren zur Feststellung verdächtiger Aktivitäten erweitern, die auf mögliche Verstöße von Kunden gegen Arbeitsgesetze und Menschenrechte hindeuten. Zugleich muss die Unternehmensleitung klare Signale an die Mitarbeiter senden, damit das Thema moderne Sklaverei mehr Aufmerksamkeit erhält.

Vermögensverwalter können den Wandel vorantreiben, indem sie Research zu den Risiken ihrer Portfoliounternehmen in diesem Bereich liefern. Dies lässt sich durch eine branchenübergreifende Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen sowie mit Nichtregierungsorganisationen und weiteren Stakeholdern realisieren. Im Rahmen ihrer Beteiligung können Investmentgesellschaften auch mit dem Management von Unternehmen in ihrem Portfolio in Kontakt treten, um Einblicke zu erhalten und Veränderungen anzustoßen. Ein geschärftes Bewusstsein für die Problematik der modernen Sklaverei ermöglicht Anlegern, die richtigen Fragen zu stellen, ihre Erwartungen deutlich zu machen und bewährte Verfahren zu vermitteln. Investmentgesellschaften können außerdem Druck auf die Führungsebene von Banken und anderen Akteuren der Finanzbranche ausüben, damit diese ihre Aufsicht, Offenlegung und vor allem die Umsetzung von Richtlinien verbessern. Dies ist insbesondere wichtig, wenn die Geschäftspraktiken eines Unternehmens nicht den Standards genügen.

In Zusammenarbeit mit Themis und der britischen Regierung bietet AB eine digitale Schulung zum Thema moderne Sklaverei für Finanzinstitute im Vereinigten Königreich an. Wir sind davon überzeugt, dass Finanzunternehmen den Regulierungsbehörden mithilfe geeigneter Schulungen zuvorkommen und dazu beitragen können, die Geldversorgung des Menschenhandels zu kappen. Finanzinstitute können mit gutem Beispiel vorangehen und ihren Kunden in anderen Branchen zeigen, dass das Problem der modernen Sklaverei ernstgenommen werden sollte und sie mit guten Geschäftspraktiken zu einer gerechteren Gesellschaft beitragen können.
Saskia Kort-Chick ist Vice President und Director of ESG Research and Engagement - Responsible Investing, Hope Shewin Head of Social Impact - Themis bei AllianceBernstein (AB).
In diesem Dokument zum Ausdruck gebrachte Meinungen stellen keine Analysen, Anlageberatungen oder Handelsempfehlungen dar, spiegeln nicht unbedingt die Ansichten aller Portfoliomanagementteams bei AB wider und können von Zeit zu Zeit überarbeitet werden.

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