Finanzwerte, nicht Fundamentaldaten, treiben Gold in die Höhe

Joe Foster, VanEck
Joe Foster / Bild: VanEck
Gold und Goldaktien erlebten erneut einen erfolgreichen Monat. Das Monatstief von 1.670 US-Dollar je Unze wurde am 5. Juni erreicht, als der US-Arbeitsmarktbericht vom Mai zeigte, dass die Anzahl der Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft um 2,5 Millionen gestiegen und nicht wie prognostiziert gesunken war. Die guten Wirtschaftsnachrichten hielten jedoch nicht lange an, da die Weltbank eine Studie veröffentlichte, die von einem Rückgang der US-Wirtschaft um 6,1 Prozent in diesem Jahr ausgeht, während das Congressional Budget Office (CBO) ein Haushaltsdefizit von 3,7 Bio. US-Dollar voraussagt. Gold tendierte nach oben, da die U.S. Federal Reserve (Fed) die Lockerung ihrer Geldpolitik bekräftigte und für das letzte Quartal dieses Jahres eine durchschnittliche Arbeitslosenquote von 9,7 Prozent prognostizierte. Spot-Gold schloss den Monat mit einem Kursgewinn von 50,69 US-Dollar (2,3 Prozent) je Unze und einem neuen Siebenjahreshoch von 1.780,96 US-Dollar je Unze inmitten neuer Coronavirus-Ausbrüche in Peking, Lateinamerika und vielen US-Bundesstaaten. Klar ist, dass die Pandemie zu einem hartnäckigen Hindernis für die wirtschaftliche Erholung wird. Gold-Aktien stiegen gemeinsam mit Gold, da der NYSE Arca Gold Miners Index (GDMNTR)1 6,4 Prozent und der MVIS Global Junior Gold Miners Index (MVGDXJTR)2 7,0 Prozent für den Monat Juni hinzugewann.
Der oberirdische Lagerbestand beläuft sich auf etwa 198.000 Tonnen, und die überwiegende Mehrheit der Eigentümer hat kein Problem damit, ihr Gold zu den aktuellen Preisen zu behalten. In einem Bullenmarkt, wenn die Finanzmärkte Gold kaufen, um sich gegen Risiken abzusichern, stellen die Differenzen zwischen Angebot und Nachfrage auf den physischen Märkten mit 4.400 Tonnen pro Jahr einen unbedeutenden Rundungsfehler dar.

Ein einzigartiger Vermögenswert, kein Rohstoff

Der Goldmarkt ist aus einer Vielzahl von Gründen einzigartig. Gold war während der gesamten Menschheitsgeschichte ein Speicher für Wohlstand. Es hat als Währung fungiert und bleibt ein wichtiger Bestandteil der Zentralbankreserven. Es dient ferner als Absicherung gegen systemische Finanzrisiken. Aus diesen Gründen betrachten wir Gold nicht als Rohstoff, sondern als einen finanziellen Vermögenswert.
 
Gold wird gehortet wie andere Finanzanlagen, darunter Aktien, Anleihen oder sogar Kunst. Das gesamte jemals geförderte Gold steht dem Markt zu einem Preis zur Verfügung. Nach Angaben des World Gold Council (WGC) betrug der oberirdische Goldbestand im Jahr 2018 194.112 Tonnen (6,2 Mrd. Unzen). Im Jahr 2019 wurden 3.480 Tonnen (112 Mio. Unzen) Gold aus dem Bergbau zu den oberirdischen Vorräten hinzugefügt, was einem Anstieg des Angebots um 1,8 Prozent entspricht. Dieses begrenzte Angebot, das im Laufe der Geschichte um etwa 2 Prozent pro Jahr gewachsen ist, ist ein Hauptgrund dafür, dass Gold als Währung, Vermögensspeicher und Inflationsabsicherung fungiert hat.
 
Als Finanzanlage wird der Preis durch Währungs- und Zinsbewegungen, Regierungspolitik und Bedrohungen für das Finanzsystem beeinflusst. Der Preis wird auf den Finanzmärkten in London und New York, und in geringerem Maße in Shanghai/Tokio, bestimmt, wo der Großteil des Handelsvolumens seinen Ursprung hat. Ein viel geringeres Handelsvolumen gibt es auf den physischen Märkten für Barren, Münzen, Schmuck, recycelten Schrott und gefördertes Gold. Obwohl die physischen Märkte wichtig sind, sind sie als Preistreiber gegenüber den Finanzmärkten sekundär.

Auswirkungen von COVID auf die physische Nachfrage nach Gold

Dem WGC zufolge belief sich die weltweite physische Goldnachfrage im Jahr 2019 auf insgesamt 4.384 Tonnen. Davon entfielen 49 Prozent auf Schmuck, 20 Prozent auf Barren und Münzen, 15 Prozent auf Zentralbanken, 9 Prozent auf Goldbarren-ETFs und 7 Prozent auf industrielle Verwendungen. Diese Prozentsätze werden im Jahr 2020 radikal anders aussehen, da die COVID-Krise tiefgreifende Auswirkungen auf fast jeden Aspekt der physischen Nachfrage nach Gold hat. Hier ist unsere Einschätzung der Lage:
 
China und Indien – Diese beiden Länder sind mit Abstand die größten Goldverbraucher, auf die im Jahr 2019 1.539 Tonnen bzw. 35 Prozent der weltweiten physischen Nachfrage entfielen. Die Lockdowns und Geschäftsschließungen haben die Nachfrage in beiden Ländern zurückgehen lassen. Der WGC berichtete, dass die weltweite Schmuckabnahme im ersten Quartal auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen gesunken ist, was hauptsächlich auf Rückgänge von 41Prozent in Indien und 65 Prozent in China zurückzuführen ist.
 
Die China Gold Association meldet für das erste Quartal einen Gesamtverbrauch von 148,6 Tonnen gegenüber 308,3 Tonnen vor einem Jahr. Indien importiert sein Gold, und laut Reuters sind die Importe von 93 Tonnen im März 2019 auf 20 Tonnen im April gesunken. Im Mai gingen die Importe auf 1,4 Tonnen zurück, verglichen mit 133,6 Tonnen im Vorjahr. Bloomberg prognostiziert, dass die Schmucknachfrage in Indien im Jahr 2020 um 210 Tonnen (30 Prozent ) zurückgehen wird, während lokale Marktteilnehmer für das Jahr einen Rückgang des Gesamtverbrauchs um 50 Prozent (350 Tonnen) vorhersagen.
 
Zentralbanken – Die letzten beiden Jahre gehörten hier zu den stärksten, die jemals verzeichnet wurden, da die Zentralbanken im Jahr 2018 und 2019 Nettokäufe von 656 bzw. 648 Tonnen tätigten. Dem WGC zufolge entfielen rund 40 Prozent der Nachfrage in den Jahren 2018 und 2019 auf Russland und China. Die Nachfrage im ersten Quartal blieb stark, da der WGC die Nettokäufe auf 145 Tonnen schätzt. Als sich die Pandemie jedoch ausbreitete, wandten viele Zentralbanken ihre Aufmerksamkeit vom Gold ab. Das Wall Street Journal berichtet, dass die Schwellenländer im März ihre Devisenreserven im schnellsten Tempo seit der Finanzkrise aufgebraucht haben, um den Absturz ihrer Währungen einzudämmen. Die UBS schätzt, dass die Zentralbanken im April 26 Prozent weniger Gold gekauft haben als im Vorjahr. Standard Charter Plc sieht einen Rückgang der Nettokäufe auf 360 Tonnen im Jahr 2020. Dies ist zum großen Teil auf China zurückzuführen, das seine offiziellen Goldreserven seit Oktober nicht mehr erhöht hat. Ebenfalls trägt die Entscheidung Russlands, die Goldkäufe im April auszusetzen, zu dieser Entwicklung bei.
 
Grundsätzlich stehen die Zentralbanken dem Gold weiterhin positiv gegenüber, was darauf hindeutet, dass viele ihre Kaufaktivitäten forcieren werden, sobald die Pandemie vorüber ist. Eine kürzlich durchgeführte WGC-Umfrage ergab, dass 20 Prozent der Befragten der Zentralbanken planen, in diesem Jahr ihre Goldbestände aufzustocken, verglichen mit nur 8 Prozent in der Umfrage von 2019. Fünfundsiebzig Prozent erwarten, dass die globalen Zentralbankreserven in den nächsten 12 Monaten ansteigen werden, im Vergleich zu lediglich 54 Prozent im Jahr 2019.
 
Schweizer Ströme/Comex – Die Schweiz dient als globaler Umschlagplatz für physisches Gold. Ein Großteil des Goldes, das zwischen London und dem Rest der Welt bewegt wird, macht einen Boxenstopp in der Schweiz, wo Raffinerien das Gold in die Größe, Form und Reinheit bringen, die für den lokalen Markt des Bestimmungsortes erforderlich sind. Das Gesamtvolumen der Schweizer Ströme war im Jahr 2020 bisher normal. Allerdings hat die Pandemie die Bestimmungsorte der Schweizer Exporte radikal verändert. Die USA haben China überholt und sind in diesem Jahr zum größten Exportziel der Schweiz geworden. Gemäß Metals Focus und Reuters machten die USA zwischen 2014 und 2019 nur 1 Prozent (rund 15 Tonnen/Jahr) der Schweizer Exporte aus. Von März bis Mai importierten sie dagegen 281 Tonnen aus der Schweiz. Unterdessen importierten China, Hongkong und Indien zusammen von März bis Mai lediglich acht Tonnen Schweizer Gold.
 
Der sprunghafte Anstieg der Schweizer Exporte in die USA wurde hauptsächlich durch die Goldströme in die Bestände der Comex verursacht. Aufgrund von Lockdowns wurde es zwischen London und dem Rest der Welt zunehmend schwierig, Goldbarren normal zu transportieren und zu raffinieren. Die Absicherungsgeschäfte der Goldbanken konnten nicht normal funktionieren, und die Preise divergierten zwischen den beiden größten Handelsplätzen. Der Terminhandel an der New Yorker Comex fand gegenüber dem Londoner OTC-Spotmarkt mit einem Aufschlag von bis zu 75 US-Dollar je Unze statt. Infolgedessen haben sich die Bestände an der Comex laut BMO Capital Markets seit März auf 964 Tonnen mehr als verdreifacht.
 
Die Schweizer Exporte in die USA und die beispiellose Nachfrage an der Comex sind eher auf Logistik und Handelsarbitrage als auf fundamentale Faktoren zurückzuführen. Daher wird ein Großteil dieses Goldes irgendwann neue Besitzer brauchen. Vielleicht wird das Gold aus dem Comex-Lagerhaus mit dem Abklingen der Pandemie und der Normalisierung anderer physischer Nachfragefaktoren seinen Weg in andere Teile der Welt finden.
 
Barren und Münzen – Der durch die Pandemie verursachte wirtschaftliche Schaden und die wachsenden finanziellen Risiken haben eine sehr starke Nachfrage nach Barren und Münzen geschaffen. Kleinanleger dominieren den Münzmarkt. Globale Münzprägeanstalten haben eine begrenzte Kapazität und sind nicht in der Lage, Zeiten starker Nachfrage zu befriedigen. Als solche können Münzen mit einem Aufschlag auf den Spotpreis für physisches Gold gehandelt werden. Die Aufschläge sind in diesem Jahr auf bis zu 135 US-Dollar je Unze gestiegen.
 
Die ETFs für Goldbarren sind wahrscheinlich die größte Kraft am Markt für Barren. Die meisten ETF-Inhaber sind institutionelle Anleger, während Kleinanleger einen geringeren Teil darstellen. Laut Bloomberg-Daten haben ETFs weltweit in diesem Jahr 622 Tonnen zu ihrem Bestand hinzugefügt – das ist bereits mehr als in jedem vollen Kalenderjahr seit Bestehen der Gold-ETFs.

Ausblick

Die Nachfrage nach Schmuck, der größten Komponente der physischen Nachfrage, geht in der Regel zurück, wenn der Goldpreis steigt. Rekordgoldpreise in vielen Landeswährungen in Verbindung mit Pandemie-Lockdowns haben zu einem beispiellosen Rückgang der Schmucknachfrage geführt. Auch die Nachfrage der Zentralbanken hat in diesem Jahr nachgelassen. WGC-Daten zeigen, dass das physische Angebot die Nachfrage im Jahr 2019 überstieg, dennoch stieg der Goldpreis um 18 Prozent. Es sieht so aus, als ob 2020 ein weiteres Jahr des Überschusses für physisches Gold sein könnte. Wenn die physische Nachfrage schwach ist, können die Preise steigen, sofern die Nachfrage an den Finanzmärkten stark ist. Die starke Nachfrage nach Goldbarren-ETFs und Münzen gibt uns einen Einblick in die Psychologie der Finanzmärkte, die den größten Einfluss auf den Goldpreis haben.
Joe Foster ist Portfoliomanager und Stratege bei dem Vermögensverwalter VanEck.

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