Konkurrenz für die Werkbank der Welt

Claus Walter, Freiburger Vermögensmanagement GmbH
Claus Walter / Bild: Freiburger Vermögensmanagement GmbH
Bisher galt China als Maß aller Dinge, wenn es um günstige Produktionsmöglichkeiten ging. In Zukunft könnte es aber immer öfter „Made in India“ heißen und der Blick nach Neu-Delhi auch für die Geldanlage wichtig sein.
In welchem Land der Erde leben die meisten Menschen? Bisher gab es darauf immer eine ganz klare Antwort: China. Laut Statistiken der Vereinten Nationen stimmt das aber seit diesem Jahr nicht mehr. Indien übertrifft mit etwas über 1,4 Milliarden Menschen erstmalig das Reich der Mitte, dessen Bevölkerung älter wird und langsam schrumpft. Auf dem indischen Subkontinent geht die Entwicklung dagegen genau in die andere Richtung. Die vergleichsweise junge Bevölkerung im mehrheitlich erwerbsfähigen Alter soll in den nächsten Jahrzehnten auf 1,7 Milliarden Menschen ansteigen. Indien erlebt dazu gerade einen Digitalisierungsschub und das durchschnittliche Einkommensniveau steigt. Außerdem profitiert der Subkontinent von den jüngsten Problemen Chinas. Die strikte Coronabekämpfung führte zu globalen Lieferkettenproblemen. Immer mehr greift der Gedanke um sich, sich hier in Zukunft weniger abhängig von einem Land zu machen und auf verschiedene Standbeine zu setzen und da fällt die Wahl oft auf Indien. Auch der schwelende Konflikt zwischen Peking und Washington ist ein ernsthaftes Risiko für Unternehmen aus dem Westen, die in China investieren wollen. Kein Wunder, dass also etwa Apple seine Smartphonproduktion lieber in Indien ausbaut oder Amazon und Cisco Milliarden auf dem Subkontinent investieren. Also ist Indien bereits das neue China?

Große Unterschiede

Ganz so einfach ist das nicht, denn auch wenn Indien mit seiner wachsenden Bevölkerung ein enormes Potenzial bietet, die Gegensätze sind enorm. Auf der einen Seite gibt es digitale Hightech und weltweit umworbene Computerspezialisten und auf der anderen Seite fehlende oder marode Infrastruktur und eine Analphabetenquote von rund 25 Prozent. Indiens Regierung stößt allerdings gerade eine ganze Reihe von Reformen an, die das Land gerade auch für ausländische Investoren langfristig interessant machen dürfte. Unternehmen, die heute darüber nachdenken, günstig in Asien zu produzieren, haben auf jeden Fall nicht mehr automatisch China ganz oben auf dem Zettel. Aber was macht das für heimische Anleger überhaupt für einen Unterschiede, ob in China oder Indien produziert wird oder die Bevölkerung in einem Land schrumpft oder woanders wächst?

Chancen nutzen

China ist für viele Unternehmen schon lange mehr als nur eine verlängerte Werkbank, sondern oft der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt. Zudem streben die Regierung in Peking und auch viele Unternehmen längst danach, nicht mehr nur Produzent zu sein, sondern in immer mehr Bereichen selbst an der Spitze der technischen Entwicklung zu stehen. Indien zeigt derzeit ein interessantes Potenzial, hier langfristig in eine ähnliche Position zu wachsen und zieht Investitionen an. So eine sich anbahnende Entwicklung gilt es genau zu beobachten und auch bei Anlageentscheidungen miteinzubeziehen. Sollte jeder sein Geld also sofort in indische Aktien stecken, weil hier die Zukunft liegt? Nein, das wäre eine sehr riskante Strategie und der indische Aktienmarkt ist nicht unbedingt günstig, sondern weist zum Teil hohe Bewertungen auf. Aber bei einem Investment darauf zu achten, dass etwa ein deutsches Unternehmen nicht mehr nur ein starkes Chinageschäft hat, sondern auch einen Plan für den indischen Markt entwickelt, scheint wichtiger zu werden.
 
Solche möglichen großen globalen Verschiebungen frühzeitig zu erkennen und darauf zu reagieren, gehört zu einer langfristig ausgerichteten Anlagestrategie. Natürlich wird dabei auch einkalkuliert, dass die Entwicklung doch nicht so verläuft wie erwartet. In der Vergangenheit wurden schon viele Zukunftsmärkte von Afrika über Südamerika bis Asien ausgerufen, die oft den Erwartungen nicht gerecht wurden. Deswegen sollte so ein Aspekt auch nur einer unter vielen in einer breit gestreuten Anlagestruktur sein. Im Fall Indien wird es aber so oder so Folgen haben, ob und wie sich das bevölkerungsreichste Land der Welt weiterentwickelt. Hier frühzeitig Chancen wahrzunehmen oder sich aufbauende Risiken zu erkennen, wird ein wesentlicher Erfolgsfaktor der nächsten Jahrzehnte sein.

Globale Hotspots im Blick behalten

Gefahren durch eine breite Verteilung zu minimieren, ist einer der wichtigsten Grundsätze für langfristig orientierte Geldanlagen. Wer Vermögenswerte über Generationen erhalten will, ist sicher gut beraten, immer auch über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Das heißt nicht, dass es nicht weiterhin hier direkt vor der südbadischen Haustür viele interessante Investmentchancen gibt. Aber für die Zukunft manches heimischen Weltmarktführers könnte es sich lohnen, dabei die Möglichkeiten eines aufstrebenden Indiens oder anderer sich entwickelnder Staaten miteinzubeziehen. Deswegen schauen wir als regional verwurzelter Freiburger Vermögensverwalter immer auch nach Peking, Neu-Delhi und andere globale Hotspots. So behalten wir immer das große Ganze im Blick und kalkulieren langfristige globale Entwicklungen ein, um das Vermögen unserer Kunden stabil für die Zukunft zu positionieren.
Diesen und weitere Vermögensverwalter mit ihren Meinungen und Online-Anlagestrategien finden Sie auf der V-Check-Website.
Claus Walter ist Vorsitzender der Geschäftsleitung der inhabergeführten Freiburger Vermögensmanagement GmbH in Freiburg im Breisgau
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