Zinsgewitter killt 60-40-Portfolio: Was können Anleger tun?

Ernst Konrad, Eyb & Wallwitz
Ernst Konrad / Bild:  Eyb & Wallwitz
Aktien für den Wertzuwachs, Anleihen für die Stabilität – so die Logik des 60/40-Portfolios, das sich unter Anlegern in ruhigen Zeiten großer Beliebtheit erfreut. Nimmt allerdings die Preisdynamik im Markt zu, kann ein paralleler Kurseinbruch beider Assets weitreichende Umschichtungen erzwingen.
Ob in Zeiten des Aufschwungs oder der Rezession – Diversifizierung ist das grundsätzliche Erfolgsprinzip einer jeden Anlagestrategie. Das gilt auch für das sogenannte 60-40-Portfolio, das Anlegern mit 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen einen ausgeglichenen Mix aus Wachstum und Stabilität verspricht. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass beide Assets sich idealerweise gegenläufig zueinander entwickeln, also negativ korreliert sind. Oder aber sie sind weitgehend unabhängig voneinander, was eine Korrelation von um die 0 impliziert. Im vergangenen Jahrzehnt war das dank niedriger Inflationsraten und einer lockeren Geldpolitik der Notenbanken zumeist der Fall. Im Resultat haben Anleger mit dem 60-40-Portfolio deshalb nicht selten überdurchschnittliche Renditen erwirtschaftet. Doch mit dem Aufkommen der Inflation und dem geldpolitischen Regimewechsel hat sich das nun geändert. So hat der parallele Anstieg von Preisen und Zinsen zuletzt zu einer Parallelentwicklung der Aktien- und Anleihenkurse geführt – und zwar mit jeweils nach unten.

Aktienschwäche seit Jahresbeginn

Die Schwäche an den Aktienmärkten ist vor allem der Angst vor einer drohenden Rezession in den USA und Europa geschuldet. So sorgen Lieferengpässe, steigende Energiekosten und inflationsbedingte Kaufkraftverluste zunehmend für Druck auf die Konjunktur und erhöhen die Unsicherheit im Markt. Hinzu kommen die Zinserhöhungen und auslaufenden Kaufprogramme der Notenbanken, die die Liquidität an den Finanzmärkten vermindern und für höhere Kapitalkosten bei den Unternehmen sorgen. In den USA fällt der Liquiditätsentzug deutlich straffer aus als in der EU, da die Treiber der Inflation hier stärker im Binnenmarkt liegen – allen voran bei Bidens Ausgabenprogramm und dem angespannten Arbeitsmarkt. Als Gegenmaßnahme zeigt sich die US-Notenbank sogar bereit, ihren Leitzins bis Jahresende auf ein Niveau von über 3,5 Prozent anzuheben, so Fed-Chef Jerome Powell. Und auch die EZB hat im Windschatten dieser Maßnahmen nun zur Kehrwende angesetzt. Mit Zinsanhebungen und auslaufenden Kaufprogrammen will sie wieder „vor die Zinskurve kommen“, also die Anlegererwartungen stabilisieren und ihre eigene Reputation stärken. Das Ergebnis dies- und jenseits des Atlantiks ist dabei das gleiche: Ein deutlich schwächeres Liquiditätsumfeld, das mehr oder wenig stark auf der Konjunktur lastet.

Anleihenkurse gleichen sich an

Zu diesem Abschwung bei Aktien kommt nun auch noch ein schwächelnder Anleihenmarkt hinzu. Betroffen von den Kursrückgängen sind dabei vor allem die Anleihen von Staaten mit einem hohen Schuldenstand. Der Grund: Steigen die Zinsen auf Kredite, nimmt durch den laufenden Debt-Rollover der Staatshaushalte perspektivisch auch die Zinslast zu. Das führt in der Folge zu einer schlechteren Zahlungsfähigkeit und geringeren Bonität der Länder. Durch diesen Effekt erhöht sich wiederum der Risikoaufschlag von neuen Krediten – und die bereits ausgegebenen Anleihen am Markt werden abgewertet. Da viele Staaten während der Coronapandemie ihre Schuldenquote deutlich erhöht haben, schlagen die Zinsschritte vielerorts sichtbar zu Buche – bzw. bereits ihre Antizipation. In der EU, wo die Zinsschritte zwar erst später angekündigt, aber von Anlegern seit langem erwartet wurden, haben sich viele Anleihen ähnlich entwickelt. So fiel der Kurs der Bundesanleihe (10 Jahre) zwischen Dezember 2021 und Juni 2022 ebenfalls von knapp über 100 auf etwas unter 90. In Italien kam es unmittelbar nach der offiziellen Ankündigung der Zinsschritte im Juni sogar zu einem regelrechten Kurseinbruch. Dabei halten sich sowohl die EZB als auch die Fed weitere Anhebungen im Jahresverlauf offen. Damit ist klar: Das 60/40-Portfolio ist nicht mehr die richtige Antwort auf die aktuelle Situation.

Mehr Knappheit hilft

Wie sollten Anleger auf die positive Korrelation von Aktien und Anleihen nun reagieren? Immerhin gibt es derzeit kaum einen Vermögenswert, der von dem allgemeinen Negativtrend nicht erfasst wird. Klar: Eine Ausnahme bildet wie so häufig das Edelmetall Gold. Als ein knappes Gut, das von konjunkturellen Schwankungen weitestgehend entkoppelt ist, stellt es auch jetzt einen vergleichsweise sicheren Hafen dar. Ähnliches gilt auch für Immobilien, die ebenfalls ein starres Angebot haben und die Rolle als Bremsanker und Inflations-Hedge genauso übernehmen können. Bei Immobilien sollte man jedoch etwas vorsichtiger sein, da sie zuletzt eine klare Überbewertung erfahren haben. Neben knappen Gütern bieten sich deshalb auch produktive Assets fürs Umschichten an – sprich konjunkturunabhängige Aktien. Prädestiniert hierfür sind Unternehmen mit einer wenig konjunktursensiblen Nachfrage nach ihren Produkten, die auch in Krisenzeiten verlässliche Gewinne generieren, wie Unternehmen aus dem Gesundheitssektor oder Anbieter von  Software. Wichtig ist, dass es sich dabei um sogenannte „Short-Duration-Assets“ handelt, die weniger zinssensitiv sind, weil sie bereits jetzt hohe Gewinne erwirtschaften und nicht erst in fernerer Zukunft.
Dr. Ernst Konrad ist Geschäftsführer der Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement GmbH und Fondsmanager der Phaidros Funds Fallen Angels A und Balanced A. Die ausführliche Analyse können Sie unter diesem Link nachlesen.

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