Karamasows Teufel - 10 Jahre Lehman-Pleite

Dr. Georg Graf von Wallwitz / Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement GmbH
Dr. Georg Graf von Wallwitz / Bild: Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement GmbH
Iwan Karamasow hat in der Nacht vor dem Mordprozess gegen seinen Bruder einen Traum (oder eine Halluzination), in welchem ihm der Teufel erscheint, mitten in seinem Wohnzimmer, an der Wand gegenüber dem Divan.
Bei Dostojewskij – der die Geschichte der Brüder Karamasow aufgeschrieben hat - ist der Gottseibeiuns „ein russischer Gentleman einer gewissen Sorte, nicht mehr ganz jung, … mit dunklem, grau meliertem, langem, noch dichtem Haar und Spitzbärtchen“, gekleidet in einen Anzug, der in die Jahre gekommen ist, wie ihn „ein vermögender Mann von Welt schon seit zwei Jahren nicht mehr angezogen hätte“, dem der Kenner aber gleichwohl ansieht, dass er einmal bei einem teuren Schneider angefertigt wurde. Er sieht aus wie jemand, der zur „Kategorie der früheren arbeitsscheuen Gutsbesitzer gehörte, … [der] die große Welt und die bessere Gesellschaft gekannt und einst bedeutende Konnexionen unterhalten hatte, [… der nun] verarmt war und sich nach und nach in eine Art Schmarotzer, allerdings der feinsten Sorte verwandelt hatte,…“ [Dostojewskij, Die Brüder Karamasow, S. Fischer 2010, S. 1011f.].

Ohne einen gewissen Irrsinn würde nichts passieren

Iwan Karamasow und sein ungebetener Gast philosophieren nun über den Stellenwert der Tugend und der Idee Gottes, über den Zustand der Gesellschaft, die Realität von Erscheinungen, die Grenzen des Erlaubten usw. Im Lauf dieses langen Gesprächs gibt der „gefallene Engel“ seinen Daseinsgrund an: Gott mag der erste Beweger schlechthin sein, aber der konkrete Anlass, warum in der Welt überhaupt etwas geschieht und damit, in gewissem Sinne, existiert, ist immer der Teufel. „Liefe auf Erden alles vernünftig ab, würde auch nichts passieren. Ohne [ihn] wird nichts passieren, aber es ist notwendig, dass etwas passiert.“ (S. 1023). Sein Bewegungsprinzip ist gerade die Unvernunft. Durch sie geraten die menschlichen Angelegenheiten erst in einen spannenden, unberechenbaren Zustand – und damit überhaupt in Bewegung. Ohne einen gewissen Irrsinn würde „alles in der Welt erlöschen und nichts, gar nichts mehr passieren.“ (S. 1032). Die Zeitläufe würden erstarren, niemals wäre etwas anders, neu; alles wäre immer nur eine automatische Entwicklung nach den Gesetzen der Logik. Die menschlichen Verhältnisse würden sich dann gleich den Sternen bewegen, ewig, rein und immer gleich, ohne die Möglichkeit von Schuld und Vergebung, ohne Freiheit und am Ende auch ohne Sinn.

Bringt Unordnung - aber Wachstum: Der Unternehmergeist

Das Hervorbrechen von ungezügelter Emotion, wie es bei den Brüdern Karamasow zur  Natur gehört, ist ein manchmal ruinöser, manchmal kreativer Charakterzug, den Dostojewskij in allen Einzelheiten schildert. Im Fall der Karamasows ist er destruktiv: Wenn die Brüder keinen Boden im Glauben finden, treibt ihre Haltlosigkeit sie in den Wahnsinn oder ins Zuchthaus. In der Ökonomie kennen wir diesen Impuls aber positiv auch als „Animal Spirit“ oder „Unternehmergeist“, der zwar Unordnung bringt, aber auch Wachstum und Innovation. Bei Dostojewskij kann allein der Glaube den Teufel in die Schranken weisen, Sinn und Orientierung über den Tag hinausgeben. Der Mensch braucht ein Fundament, um nicht auf die nur scheinbar einfachen Lösungen, die ihm die
Leidenschaft oder das Vernünfteln nahelegen, hereinzufallen. Er braucht den Glauben an eine höhere Instanz – sei es die Religion oder die Wissenschaft oder die Gesellschaft (vertreten durch den Staat) - denn die Stimme des Guten, Wahren und Schönen in ihm ist oft zu leise, um gegen die Verlockungen der Unvernunft zu bestehen.

Mephisto namens Lehman?

Oberstes Ziel des Teufels muss es daher sein, die ordnenden Instanzen zu diskreditieren und so der Unvernunft Bahn zu brechen. Wie dies auf ökonomischem Gebiet funktioniert, hat er vor 10 Jahren beim Zusammenbruch von Lehman Brothers eindrücklich gezeigt.

Die Ursachen der Katastrophe waren banal

Oberflächlich betrachtet war beim Ausbruch der Finanzkrise in der zweiten Hälfte des Jahres 2007 keine unerklärliche Instanz am Werk. Alle Rückblicke, die in diesen Tagen erscheinen, machen eines klar: Die Ursachen der Katastrophe waren einfach bis zur Trivialität. Es wurden zu viele Kredite an zu schlechte Schuldner vergeben, wodurch das Vertrauen in die Banken verschwand – und damit ihre Geschäftsgrundlage.
 
Die Entwicklung neuer Techniken im Umgang mit Immobilienkrediten ermöglichte es den ursprünglichen Kreditgebern (z.B. regionalen Banken), diese Kredite weiterzureichen an Investoren, die keinen blassen Schimmer hatten, wem sie auf diese Weise ihr Geld liehen. Der Kredit floss nun immer leichter, denn die Qualität der Kreditnehmer war den letztlichen Kreditgebern nicht bekannt. Für sie waren diese nur Punkte auf der Bilanz, keine Menschen, denen man von weitem ansehen konnte, dass sie ihre Kredite niemals zurückzahlen würden. Aber diejenigen, die das sehen konnten und durchaus auch sahen, behielten die Kredite ja nicht auf den eigenen Büchern, und so war es ihnen im Grunde egal, ob die Kredite bedient wurden oder nicht.

Zentralbanken unterschätzten das Risiko

Faul waren insbesondere amerikanische Immobilienkredite. Da die USA das Zentrum der Finanzwelt waren, tauchten diese in ihren neuen Verpackungen auf der ganzen Welt wieder auf, etwa in den Bilanzen von Versicherern wie der AIG auf, bei Banken wie den deutschen Landesbanken, in allerlei Hedge- oder Pensionsfonds.
 
Die Zentralbanken unterschätzen lange das Risiko, welches diese Papiere bargen, sie unterschätzten dann das destruktive Ausmaß der Kreditkrise, und sie überschätzten schließlich noch den möglichen Schaden, welche die Quantitative Lockerung (ein damals nur theoretisch erprobtes Hilfsmittel) anrichten würde. So dauerte die Krise deutlich länger als nötig.

Die USA setzten auf Sanierung - Europa verharrte in Agonie

In den USA wurde das Bankensystem zügig und radikal saniert (die Bilanzen der großen Institute wurden mit Staatsgeld gestärkt und viele kleine Institute wurden geschlossen) und das Land kam nach einigen Jahren wieder auf die Beine. In Europa hingegen gab es insbesondere aus Deutschland lange Widerstand gegen das Instrument der Quantitativen Lockerung und die Schließung schwacher Banken. Für den Kontinent bedeutete dies eine umso längere Agonie, als zur Bankenkrise im Jahr 2011 auch noch eine Staatsschuldenkrise hinzukam– die bis heute nicht ausgeheilt ist.

Wo Experten versagen, entsteht ein Biotop der Unvernunft

Der Schaden, der durch den Ansehensverlust der Technokraten entsteht, ist latent aber sehr viel größer als derjenige, der von einer durchschnittlichen Finanzkrise verursacht wird. Denn wo das Vertrauen in die Technokraten aber erst einmal erschüttert ist, sind Willkür und dem Glauben an allzu einfache Rezepte keine Grenzen mehr gesetzt. Wo die Experten versagen, entsteht ein Biotop für die Unvernunft: Es ist eine direkte Folge dieses Vertrauensverlusts, dass in den USA acht Jahre später ein geistiges Klima herrscht, in welchem eine besonders unvernünftige Regierung das Ruder übernehmen kann. Ähnlich steht es in Westeuropa: Die Einführung des Euro war ein Fehler, der nun zum Sargnagel des Vernunftprojekts EU zu werden droh.t

Gott bewahre uns also vor schlechten Theorien!

Die gelegentliche Krise ist durchaus Teil des kapitalistischen Systems, kein Fehler in demselben. Ab und zu soll sich der Teufel ruhig in Form der „Animal Spirits“ Bahn brechen. Aber wenn die Technokraten falsch liegen, dann entsteht eine besondere Verbitterung, denn die Menschen führen ihre Probleme dann nicht auf ein ehernes ökonomisches Gesetz zurück, sondern auf die überflüssige Kopfgeburt eines zweitklassigen Theoretikers. Die entsprechende Gegenreaktion lässt dann nicht lange auf sich warten: Populismus, Nationalismus, emotionsgeladene Politik. Das also ist die Weise, wie Dostojewskijs Teufel wirklich Unordnung und Unfrieden schafft: Er schickt den Regierungen wohlmeinende Technokraten mit unausgegorenen Theorien und Modellen, wodurch den Menschen das Vertrauen in die gute und gerechte Ordnung in der Welt tatsächlich abhanden kommt und der allgemeinen Unvernunft Tür und Tor geöffnet wird. Dem Glauben an die höhere ordnende Instanz, der bei den Brüdern Karamasow zwischen uns und des Teufels Chaos steht, wird so der Boden entzogen. Gott bewahre uns also vor schlechten Theorien!

Wachstum bleibt ein rares Gut

Für den Investor kann das alles nur heißen, dass er mehr Schumpeter lesen und sein Geld so anlegen muss, dass es auch in einer zwischen Verknöcherung und Populismus oszillierenden Welt noch gut aufgehoben ist. Wachstum wird ein rares Gut bleiben, die Rentenökonomie und ihre Mono- und Oligopole werden noch einige Jahre lang funktionieren. Entsprechend kann und soll man investieren. Das ist für den Bürger keine schöne Aussicht, aber für den Anleger funktioniert es.
Dr. Georg Graf von Wallwitz, Fondsmanager der Phaidros Funds (Fallen Angels A und Balanced A) und Geschäftsführer der Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement GmbH. Georg von Wallwitz studierte Mathematik und Philosophie in England und Deutschland und ist zudem Chartered Financial Analyst (CFA). Nach Stationen als Fondsmanager bei der DWS und Hauck & Aufhäuser ist er seit 2004 Geschäftsführer und Mitinhaber bei Eyb & Wallwitz.
     
 

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