COVID-19 rückt Probleme der Modebranche in Fokus

Masja Zandbergen, Robeco
Masja Zandbergen / Bild: Robeco
Die Modebranche hat aufgrund ihrer Konjunkturabhängigkeit stark unter der Coronavirus-Krise gelitten. In diesem Zusammenhang haben wir festgestellt: Arbeitsbedingungen und Lieferketten-Management sind zwei der sechs wesentlichsten Probleme der Branche. Wir stellen gezieltes Engagement und die Notwendigkeit nachhaltigerer Geschäftspraktiken vor – eine Einschätzung aus Investment bezogener und aus sozialer Perspektive.
Die durchschnittliche Börsenkapitalisierung des Modesektors fiel im ersten Quartal dieses Jahres laut McKinsey um fast 40 Prozent und damit wesentlich stärker als die des Aktienmarkts insgesamt. Hinzu kommt: Die Pandemie hat den Blick der Anleger darauf gelenkt, wie die Unternehmen ihre Mitarbeiter, Kunden und Zulieferer behandeln.
 
Im Rahmen unseres Investment-Research legen wir den Fokus auf die Analyse der jeweils relevantesten Aspekte in jeder Branche. Im Bekleidungssegment haben wir festgestellt, dass die Arbeitsbedingungen und das Lieferketten-Management zwei der sechs wesentlichsten Probleme sind.

Grad der Auswirkungen vs. Wahrscheinlichkeit in der Bekleidungsbranche

Unternehmen im Bekleidungs- und Textilsektor betreiben und kontrollieren ihre Fabriken zwar mitunter; oft aber lagern sie die Zuständigkeit dafür teilweise an ein Zulieferer-Netzwerk aus. Die Anbieter mit eigener Produktion sind direkt dafür verantwortlich, ein sicheres Arbeitsumfeld zu bieten und müssen Arbeits- und Menschenrechte beachten.

Anpassung an Preisdruck, typischerweise Länder mit den niedrigsten Kosten

Bei der Auslagerung der Produktion finden die Unternehmen typischerweise Zulieferer in Ländern mit den niedrigsten direkten Kosten. Dort ist zudem der Umfang von Regulierung und staatlichem Schutz der Arbeitnehmer nur begrenzt. Die Zulieferer sind häufig von der auftraggebenden Bekleidungsfirma abhängig und müssen sich dem Preisdruck anpassen. Beide Faktoren erhöhen das Risiko sich verschlechternder Arbeitsbedingungen. Die Löhne, die an Arbeitnehmer bei Zulieferern gezahlt werden, liegen häufig deutlich unter den geschätzten Lebenshaltungskosten, sodass die Beschäftigten zu oft an der Armutsgrenze leben.
 
Um widerstandsfähige und wettbewerbsfähige Lieferketten zu schaffen, müssen Hersteller von Bekleidung, Accessoires, Luxusgütern, Fußbekleidung und Textilien wirtschaftliche Notwendigkeiten wie Qualität, Kosten und Lieferzeiten in eine Balance bringen mit allgemeinen Aspekten wie Umweltauswirkungen, sozialen Belangen und Geschäftspraktiken. Unternehmen, die entsprechende Leitlinien effektiv umsetzen, können ihre Reputations- und operationellen Risiken deutlich senken, ebenso wie die Gefahr regulatorischer Überprüfungen.
 
Firmen mit transparenten Lieferketten werden die soziale Akzeptanz ihrer Geschäftstätigkeit erhöhen und ihr Markenimage stärken. Die Durchführung wirksamer Due Diligence-Prüfungen in der Lieferkette sind von entscheidender Bedeutung für die Identifikation hochriskanter Bereiche, in denen Probleme in Bezug auf die Arbeitsbedingungen auftreten können. Auf eine entsprechende Analyse sollten konkrete Schritte zur Prävention und Abmilderung dieser Probleme folgen, einschließlich einer laufenden Messung der Effektivität der Maßnahmen.

Auswirkungen der Coronavirus-Krise aus sozialer Sicht

Etliche Bekleidungsmarken und -einzelhändler stornierten oder verschoben Aufträge, als die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus weltweit zu Ladenschließungen führten und die Erträge drastisch schrumpfen ließen. Die Fabriken in den Herstellerländern stehen vor großen Herausforderungen hinsichtlich der Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs bei einem Rückgang des Ordervolumens. So gingen den Herstellern in Bangladesch – zweitgrößter Bekleidungsexporteur der Welt – mehr als 2,7 Milliarden Euro an Zahlungen verloren – für Aufträge, die bereits ausgeführt oder veranlasst worden waren.
 
Am härtesten getroffen sind Arbeitnehmer in den Niedrigkostenländern, wo es keine ausreichenden sozialen Systeme gibt. Sie tragen ein größeres Risiko hinsichtlich plötzlichen Arbeitsplatzverlustes, ausbleibender Abfindungen und inadäquater Sozial- und Krankenversicherung.

Problembewältigung durch gezieltes Engagement, Aufruf zum Handeln

Unser Engagement in der Bekleidungsbranche erfolgt in Kooperation mit anderen Finanzinstitutionen via Platform Living Wage Financials (PLWF). Die Allianz aus 15 überwiegend niederländischen Finanzinstitutionen mit einem verwalteten Vermögen von 2,6 Billionen Euro besteht seit einigen Jahren und hat sich in der Coronavirus-Pandemie bewährt. Das Ziel lautet: Verbesserte Bedingungen in der Bekleidungsproduktion, die sich stark auf Niedriglöhner stützt.
 
So haben wir in der ersten Jahreshälfte Unternehmen in unseren Portfolios einen Brief geschickt mit der Bitte, ihre Lieferketten während der Coronavirus-Krise verantwortungsbewusst zu managen. Im Fokus standen vor allem drei Ziele: wirtschaftlich umsichtiges Handeln, Gewährleistung sicherer Arbeitsbedingungen für alle Mitarbeiter und Schutz der Arbeitnehmerrechte in der Lieferkette. Wir forderten die Unternehmen, an denen wir beteiligt sind, dazu auf, sich branchenweiten Initiativen anzuschließen, um entsprechende Lösungen zu finden.
 
Darüber hinaus hat die International Labor Organization einen Aufruf zum Handeln im Bekleidungssektor gestartet. Globale Marken, Hersteller, Gewerkschaften und andere beteiligte Gruppen können das entsprechende Statement unterstützen. Das Ziel lautet: Herstellern das Überleben angesichts des Konjunktureinbruchs während der Pandemie zu ermöglichen sowie Einkommen, Gesundheit und Beschäftigung der Arbeitnehmer im Bekleidungssektor zu schützen. Die PLWF hat sich dieser Initiative zusammen mit mehr als 100 Stakeholdern offiziell angeschlossen.

Existenzminimum – Jährliche Analysen zeigen Lücke zwischen Absichtserklärungen und Handeln

Wesentliches Element unseres Engagements im Rahmen der PLWF ist eine jährliche Analyse, inwieweit unsere Portfolio-Unternehmen auf die Zahlung existenzsichernder Löhne in ihren Lieferketten hinwirken. Die von Robeco geleitet „Garment and Footwear“-Arbeitsgruppe hat die Analyse von 29 Unternehmen abgeschlossen und die Ergebnisse veröffentlicht. Die Ergebnisse zeigen: Es gibt Fortschritte, die Relevanz existenzsichernder Löhne innerhalb der Branche im Bewusstsein zu verankern. Die große Herausforderung allerdings liegt darin, die Lücke zwischen den Absichtserklärungen der Marken und ihrem tatsächlichen Handeln zu schließen. Trotz der allgemeinen Einsicht, dass die Zahlung existenzsichernder Löhne notwendig ist, verfügt keines der untersuchten Unternehmen über die ausreichenden Prozesse, die eine vollständige Bezahlung existenzsichernder Löhne im Rahmen ihrer eigenen operativen Tätigkeit und der Lieferkette sicherstellen.

Erkenntnisse fließen in Anlageentscheidungen ein

Diese Untersuchungsergebnisse plus Informationen, die wir durch unsere Engagements im Hinblick auf arbeits- und lieferkettenbezogene Aspekte gewonnen haben, fließen im Bekleidung- und Einzelhandelssektor in unseren Prozess zur Anlageentscheidung ein.
 
Ein Beispiel dafür ist der Fall eines großen Heimwerker-Einzelhändlers. Die Diskussion über Arbeitspraktiken im Rahmen der operativen Tätigkeit des Unternehmens war für den Portfoliomanager der RobecoSAM Gender Equality Strategy von Bedeutung. Die Corona-Krise hat sich auf die Umsätze des Unternehmens positiv ausgewirkt, da Leute mehr Zeit mit Renovierungsarbeiten an ihren Häusern verbracht haben. Allerdings beschäftigt das Unternehmen viele Mitarbeiter in seinen Filialen, darunter viele eingewanderte Arbeitnehmer und Frauen, bei denen es zu häufigen Wechseln kommt. Wir erörterten mit dem Unternehmen, wie es seine Belegschaft so managen kann, dass gleiche Chancen für Mitarbeiter in unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen sichergestellt sind – ein wichtiges Element des RobecoSAM Gender Equality Score.
 
Ein anderes Beispiel ist unser Dialog mit zwei Bekleidungsfirmen, die in unseren Consumer Trends-Strategien wichtige Positionen einnehmen. Beide Unternehmen verkörpern in ihren Geschäftssegmenten (Sportbekleidung/Luxusgüter) bestmögliche Praktiken. Dies wirkte sich bei der Berücksichtigung von ESG-Aspekten im Rahmen der Investment-Analyse positiv aus und lieferte zusätzliche Argumente für die Einbeziehung der Firmen in das Portfolio.

Unternehmen müssen von Absichtserklärungen zu tatsächlichen Verbesserungen gelangen

Auch wenn eine zunehmende Bereitschaft in dem Sektor zur Lösung dieser Probleme zu beobachten ist, bestehen bei der Umsetzung noch Lücken. So sind bei den Lieferketten im Bekleidungssegment und der Zahlung existenzsichernder Löhne einige Herausforderungen zu bewältigen. Zunächst gilt es, Informationen besser verfügbar zu machen, sodass die Unternehmen besser erfassen können, welche Löhne ihre Zulieferer zahlen und wie sich diese zum Existenzminimum verhalten.
 
Wichtig ist darüber hinaus, dass sich die großen Marken zu nachhaltigeren Geschäftspraktiken bereiterklären, indem sie langfristige Beziehungen zu ihren Zulieferern aufbauen, was ihnen einen besseren Nachweis der Arbeitskosten bei der Auftragsvergabe ermöglicht. Außerdem sollte es einen Sozialdialog geben, um Koalitionsfreiheit und Tarifverhandlungen zu gewährleisten, die echte Verbesserungen bei der Zahlung bewirken können. Dies unterstreicht auch die Bedeutung branchenweiter Kooperationen – nicht nur mit Marken, Herstellern und Mitarbeitern, sondern auch mit Regierungen und anderen Stakeholdern, die gemeinsam dazu beitragen können, den erforderlichen Systemwandel in der Branche zu beschleunigen.
 
Notwendig ist zudem, auch die übrige Bekleidungsbranche einzubeziehen. Gesetzliche Änderungen im Hinblick auf eine zwingende Due Diligence-Prüfung in punkto Menschenrechte können am Ende wirksam zum Aufbau einer widerstandsfähigeren Lieferkette beitragen. Wir beobachten einige vielversprechende Signale bei der niederländischen Regierung, die dem Parlament einen entsprechenden Vorschlag vorlegen will, und hoffen, dass sich andere Länder anschließen.
Masja Zandbergen ist Head of Sustainability Integration bei Robeco