Gold könnte verlorenen Boden wettmachen und neue Höchstwerte anpeilen

Nitesh Shah, Wisdom Tree
Nitesh Shah / Bild: WisdomTree
Goldpreisprognosen / Grafik: WisdomTree-Modellprognosen, Bloomberg Historical Data, Daten zum handelsschluss 23.09.2020. Sie können nicht direkt in einen Index investieren. Prognosen sind kein Indikator für die zukünftige Performance und jegliche Investitionen unterliegen Risiken und Unsicherheiten.
Nach dem Erreichen eines neuen Intraday-Höchststandes am 6. August 2020 von über 2070 USD/Unze ist der Goldpreis zum 24. September 2020 um fast 10 Prozent gefallen. Im bisherigen Jahresverlauf verzeichnet Gold noch immer ein Plus von 22 Prozent und – am wichtigsten – ist einer der wenigen Werte, die in den schlimmsten Phasen der COVID-19-Krise einen Kursanstieg verbuchen konnten. Der kürzliche Kursverfall geschieht zu einem spannenden Zeitpunkt: die Inflationserwartungen steigen, der US-Dollar zeigt Schwäche und die wirtschaftliche Ungewissheit, die durch die COVID-19-Pandemie verursacht wurde, liegt noch nicht hinter uns. Die zyklischen Markteinbrüche des vergangenen Monats könnten defensive Werte wie Gold und US-Staatsanleihen unter Druck setzen, genauso wie es im März 2020 zu sehen war. Zur damaligen Zeit stießen Investoren liquide Werte aufgrund von Einbrüchen in anderen Teilen ihres Depots ab. Sieht man Gold nur als defensiven Wert, könnte sich ein zyklischer Aufschwung negativ auf den Kurs auswirken. Historisch gesehen ist Gold jedoch nicht nur als defensiver Wert zu betrachten. Der Kurs tendiert dazu, mit der in Phasen starken Wirtschaftswachstums entstehenden Inflation zu steigen. Solange der Aufschwung nicht durch eine aggressive Verschärfung der Geldpolitik begleitet wird, kann bei Gold mit weiteren Anstiegen gerechnet werden.

Die drei Prognosen aus der Abbildung

  • Konsens – basierend auf Konsensusprognosen für alle makroökonomischen Inputs und der Annahme, dass die Investorenstimmung gegenüber Gold unverändert bleibt
  • Fortwährende wirtschaftliche Unsicherheit – Weiteres geldpolitisches Eingreifen, möglicherweise durch Steuerung der Zinsstrukturkurve. Das schränkt die Renditen von US-Staatsanleihen ein und schwächt den US-Dollar, während die Investorenstimmung gegenüber Gold positiver wird
  • Restriktive Fed – trotz der Anpassung des Inflationsziels verhält sich die US-Notenbank (Fed) restriktiv und die Renditen von US-Staatsanleihen steigen beträchtlich, der US-Dollar kehrt zum Kurs von Mai 2020 zurück und die Inflation bleibt weit unter der Zielmarke. Gehen die Ängste über eine Entwertung des US-Dollars zurück, werden auch die Positionen in Gold-Futures reduziert.

Konsens

Der Konsens wurde an die neue Inflationszielregelung der Fed angepasst, bei der die Zentralbank die durchschnittliche Inflation betrachtet und sie über 2 Prozent steigen lässt, um Zeiträume zu kompensieren, in denen sie diese Marke unterschritten hat. Der Konsens geht davon aus, dass die Zinssätze im kommenden Jahr unverändert bleiben. Die Dotplots der Fed zeigen, dass die Zinspolitik bis 2023 auf Eis bleibt.
 
Der Konsens geht von einem starken Anstieg der Inflation über 2  bis auf 2,4 Prozent Mitte 2021 aus. Dies spiegelt die steigenden Energiepreise wider, die wir nach den starken Rückgängen Anfang 2020 verzeichnet haben.  Doch selbst für die Kerninflation wird ein Anstieg von aktuell 1,3   auf 1,7 Prozent in Q2 2021 prognostiziert, was einen breit angelegten Preisanstieg suggeriert.
 
Der Markt erwartet nach unserer Prognose eine Verdopplung der 10-jährigen US-Staatsanleihen vom Tiefpunkt von 0,50 Prozent, der im August 2020 erreicht wurde. Das spiegelt in Teilen die steigende Verschuldung der US-Regierung wider. Dem Konsens nach ist eine Steuerung der Zinsstrukturkurve hierbei nicht eingepreist. Die Rendite für US-Staatsanleihen mit Inflationsschutz (Treasure Inflation Protected Securities, TIPS) verbleibt negativ an einem Tiefpunkt von -0,93 Prozent. Die wachsende Kluft zwischen den realen und nominalen US-Staatsanleiherenditen weist auf die Erwartung einer steigenden Inflation hin.
 
Obwohl der Konsens steigender US-Staatsanleiherenditen von einem Markt mit unveränderter Zinspolitik ausgeht, wird eine weitere Entwertung des US-Dollars erwartet. Diese Divergenz zwischen US-Dollar und US-Staatsanleihen fügt sich in die Sorgen über eine wachsende Verschuldung ein.
Im Konsensszenario belassen wir die Positionierung in Gold-Futures grob unverändert (Netto-Longposition von 250.000 Kontrakten) und preisen daher keinen weiteren Optimismus für das Metall ein. In diesem Jahr erreichte die Netto-Longpositionierung bereits den Spitzenwert von fast 400.000 Kontrakten.
 
In diesem Szenario könnte Gold auf 2075 USD/Unze steigen und damit ein neues Rekordoch erreichen (wenn auch nur knapp unter dem Kurshoch von August 2020).

Fortlaufende wirtschaftliche Unsicherheit

Der Konsens scheint steigende wirtschaftliche Stabilität und die Fortsetzung des Konjunkturaufschwungs der letzten Monate einzupreisen. Angesichts steigender COVID-19-Fallzahlen und fortbestehender Social-Distancing-Regeln bis zur Entwicklung eines Impfstoffs muss die Fed ihre Geldpolitik zusätzlich zum erwarteten Konjunkturprogramm möglicherweise weiter lockern. Ein möglicher Weg für die Fed besteht dafür in der Steuerung der Zinsstrukturkurve. Dies dürfte US-Staatsanleiherenditen im Vergleich zur Konsenserwartung weiter einschränken.
Die Inflation könnte einen Höchstwert knapp unter 3 Prozent erreichen, da die Maßnahmen der Fed die wirtschaftliche Nachfrage steigern, während das Angebot aufgrund von COVID-bedingten Lieferkettenengpässen beschränkt bleibt.
 
Die Lockerung der Geldpolitik könnte den US-Dollar außerdem weiter schwächen als vom Konsens erwartet.
 
Während die Zentralbank weiter mit neuen geldpolitischen Werkzeugen experimentiert und der US-Dollar an Wert verliert, wendet sich die Investorenstimmung gegenüber Gold positiv und die Positionierung in Gold-Futures wächst auf eine Netto-Longposition von 350.000. Je stärker die realen Renditen fallen, desto attraktiver wird Gold im Gegenzug.
In diesem Szenario könnte Gold auf 2410 USD/Unze steigen – ein Zuwachs von 30 Prozent im Vergleich zum Kursniveau im September 2020.

Restriktive Fed

In diesem Szenario spielen wir den Advocatus diaboli: Was, wenn sich die wirtschaftlichen Bedingungen verbessern und die Fed bestrebt ist, die Inflation unter 2 Prozent zu halten, um die langfristigen Erwartungen abzusichern? Angesichts der Tatsache, dass die Fed ihre Inflationsregelung kürzlich geändert hat, ist dieses Szenario das unwahrscheinlichste, angesichts seiner Implikationen jedoch eine Besprechung wert.
 
Zunächst verbleibt die Inflation für den Prognosehorizont unter 2 Prozent. Dank steigender Zinsen könnten die 10-jährigen US-Staatsanleiherenditen auf 2 Prozent steigen (d. h. eine Vervierfachung des Niveaus vom August 2020).
 
Der US-Dollar könnte ebenfalls an Wert gewinnen, wenn die Fed die Zinsen aggressiver als andere Zentralbanken strafft. Die Ängste über eine Dollarentwertung ebben ab.
Davon ausgehend, dass eine tatsächliche Konjunkturerholung stattfindet, die nicht inflationär ist und der Markt die Handlungen der Fed nicht für einen Fehler hält, könnte sich die Positionierung in Gold-Futures dem historischen Durchschnitt nähern.
 
In diesem Szenario könnte Gold auf 1325 USD/Unze fallen und damit zurück auf ein Niveau, das wir zuletzt in der ersten Hälfte 2019 gesehen haben.

Gold dürfte aller Wahrscheinlichkeit zulegen

Allgemein glauben wir, dass die wirtschaftliche Unsicherheit während dieser ungewöhnlichen Pandemie, die noch nicht vollständig überstanden ist, anhalten wird. Obwohl das Konsensszenario einen Weg aufzeigt, mit dem Gold verlorenen Boden gutmachen kann, glauben wir, dass das Metall bei wirtschaftlicher Unsicherheit noch stark dazugewinnen könnte. Wir können das Szenario eines maßgeblichen Wirtschaftsaufschwungs nicht außer Acht lassen. Wir zweifeln jedoch daran, dass sich die Fed sehr restriktiv verhalten könnte und weisen diesem Szenario daher eine geringe Wahrscheinlichkeit zu.
Nitesh Shah ist Director, Research bei WisdomTree

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