Telemedizin: Bessere Gesundheit der Bevölkerung bei niedrigeren Kosten

Fang Liu und Thomas Amrein, Credit Suisse
Fang Liu und Thomas Amrein /Bilder: Credit Suisse
Werden Akzeptanz und Nutzung der Telemedizin nach Covid-19 anhalten? Telemedizinische Lösungen im Gesundheitswesen haben ein hohes Potenzial: niedrigere Kosten, kürzere Wartezeiten, Demokratisierung und Skalierbarkeit.
Der beispiellose weltweite Lockdown im Zuge der Corona-Krise hat zu einer größeren Akzeptanz der Telemedizin geführt. Doch wie wird sie sich entwickeln, wenn das Virus eingedämmt ist? Wir werden nachfolgend das Konzept der „Telemedizin als virtuelle medizinische Grundversorgung“ erörtern. Unsere zentrale Frage lautet: Können sich telemedizinische Lösungen im Gesundheitswesen nun flächendeckend verbreiten, effizient umgesetzt und strukturell verankert werden? Und welche Vorteile bieten sie?

Bequemlichkeit und positive Nutzererfahrungen

Laut Datenerhebungen, die im „American Journal of Managed Care“ veröffentlicht wurden, hatten Patienten in den USA im Jahr 2015 für einen 20-minütigen Arzttermin im Schnitt 37 Minuten Fahrzeit und 64 Minuten Wartezeit in der Praxis. Auch das Warten auf einen Termin dauert lange: Einer weiteren Studie von 2017 zufolge mussten Patienten in US-Großstädten im Schnitt 24 Tage auf eine erste ärztliche Beratung warten.
 
Das Problem besteht bei Telemedizin nicht: Die durchschnittliche Wartezeit auf eine Online-Konsultation beträgt in der Regel unter zehn Minuten. Der Siegeszug der Smartphones führte zu einer vermehrten Nutzung von Telemedizin, da die Verwendung von Bildern und Videos die Zuverlässigkeit der Diagnosen deutlich gesteigert und somit die virtuelle Konsultationserfahrung für Patienten allgemein verbessert hat.

Von der Akutversorgung zur Normalisierung der Telemedizin

Dank der kurzen Wartezeiten und der zunehmenden Genauigkeit der Diagnosen ist die virtuelle Gesundheitsversorgung ein naheliegender Ersatz für eine persönliche ärztliche Beratung – besonders für Patienten mit dringenden Beschwerden. Allerdings erleben wir aktuell eine spannende Entwicklung weg von diesem ursprünglichen Verwendungszweck. So ist die virtuelle Verhaltensmedizin in den letzten Jahren enorm gewachsen, da sich die entsprechenden Krankheiten durch ihre lange Dauer und wiederkehrende Natur gut für Online-Konsultationen eignen. Das Potenzial: Auf dem Gesundheitsmarkt für psychische Störungen werden allein in den USA etwa 24 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet. Der Online-Anteil ist dabei nach wie vor gering.

Ein vielversprechender Bereich, um die Prävention zu verbessern, ist zudem die Kombination aus Fernüberwachung und Telemedizin. Innovationen wie das Diabetes- und Herz-Rhythmus-Management per Fernzugriff haben sich als sichere, zeitsparende und kosteneffiziente Lösung mit hoher Patientenzufriedenheit erwiesen. Die Demokratisierung dieser Lösungen könnte sehr vorteilhaft sein. Denn: Ein beachtlicher Anteil der globalen Bevölkerung leidet an langfristigen chronischen Krankheiten. Alarmierend ist etwa die Situation in den USA: Nahezu jeder dritte Erwachsene hat keinen Hausarzt und 60 Prozent der Bevölkerung leiden im Laufe des Lebens an mindestens einer chronischen Erkrankung.

Virtuelle medizinische Grundversorgung

Hier kommt das Konzept der virtuellen medizinischen Grundversorgung („Virtual Primary Care“, VPC) ins Spiel. Darunter wird ein umfassendes Angebot verstanden, das die Notfallversorgung, Verhaltensmedizin, psychische Gesundheit, das Management chronischer Erkrankungen und andere spezialisierte Angebote wie die telemedizinische Versorgung durch Kinderärzte umfasst. Dabei erhält jeder Patient eine maßgeschneiderte Lösung für seinen aktuellen Lebensabschnitt.

Einige innovative Angebote aus diesem Bereich sind bereits auf dem Markt. Doctor On Demand beispielsweise, ein führender Telemedizin-Anbieter in den USA, bietet gemeinsam mit Humana eine neue Krankenversicherung an, bei der die virtuelle medizinische Grundversorgung im Mittelpunkt steht und die mit erheblich niedrigeren Monatsbeiträgen einhergeht. Am anderen Ende des Spektrums könnten VPC-Plattformen den Patienten ein intelligentes Überweisungssystem bieten, indem sie Kontakt zu einem spezialisierten Kompetenzzentrum an einem beliebigen Ort im Land herstellen – unabhängig vom Wohnort des Patienten. Dies würde erfordern, dass die Plattform in das allgemeine lokale Gesundheitssystem integriert wird. Durch einen regen Daten- und Analysenaustausch wäre der VPC-Anbieter dann in der Lage, die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern und letztlich die Kosten der medizinischen Grundversorgung zu senken.

Wir halten es durchaus für denkbar, dass durch VPC-Plattformen eine langfristige Beziehung zwischen Patienten und Ärzten im Bereich der virtuellen Grundversorgung entsteht, bei der die elektronische Patientenakte, Termine und Zahlungsverlauf an einem zentralen Ort verfügbar sind.

Weltweiter Anstieg der Nutzerzahlen erhöht Bewusstsein

Die Vorteile von Telemedizin haben dazu geführt, dass die Nutzerzahlen angestiegen sind: Einer Studie der Harvard Medical School zufolge stieg der Einsatz von Telemedizin in der breiten, kommerziell versicherten Bevölkerung von 0,02 Konsultationen pro 1000 Versicherte im Jahr 2005 auf 6,57 Konsultationen 2017.

Einen zusätzlichen Katalysator bildete die Covid-19-Pandemie. Während des Coronavirus-Ausbruchs in China Anfang 2020 erlebten die führenden lokalen Anbieter telemedizinischer Lösungen – Ping An Good Doctor, Alibaba Health und WeDoctor – rasant steigende Nutzerzahlen. Als die Pandemie sich in den USA ausbreitete, sprengten die Gesamtaufrufe von Teladoc im ersten Quartal 2020 die Zwei-Millionen-Marke. Dies entspricht einem Zuwachs von fast 90 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Mit den steigenden Nutzerzahlen verbreitete sich dank Mundpropaganda, Presse und sozialen Medien auch das Wissen um die Vorteile der Telemedizin. Das ließ wiederum die Nutzerzahlen weiter in die Höhe schnellen.

Krise könnte Wendepunkt in Bezug auf Deregulierung auslösen

Trotz der zunehmenden Beliebtheit von Telemedizin haben die politischen Entscheidungsträger lange gezögert, ihr denselben Status einzuräumen wie persönlichen Arztbesuchen. Einer der Gründe dafür war die Sorge, dass es zu Fehldiagnosen oder zur Verschreibung ungeeigneter Medikamente kommen könnte. Mit Covid-19 änderte sich dies jedoch. Ob in den USA, Japan oder China – während der Pandemie wurden herrschende Einschränkungen rasch und teils sogar dauerhaft aufgehoben.

Dies dürfte die politischen Entscheidungsträger dazu veranlassen, die Integration der Telemedizin in das allgemeine Gesundheitswesen nachdrücklicher zu verfolgen, denn die Digitalisierung birgt ein großes Potenzial: die Senkung der Gesundheitskosten, ohne bei der Patientenzufriedenheit Abstriche machen zu müssen. Bereits die niedrigeren Fixkosten und der geringere Verwaltungsaufwand für Arztpraxen könnten zu hohen Einsparungen beitragen. Wahrscheinlich würden diese Vorteile letztlich in Form geringerer Zuzahlungen und Selbstbehalte an die Patienten weitergereicht, also schlussendlich zu einer bezahlbareren Gesundheitsversorgung führen.

Weltweite Anwendbarkeit

Die Gesundheitssysteme auf der Welt sind unterschiedlich. Während das US-Gesundheitssystem einzigartig ist, setzen die meisten Länder bei der Gesundheitsversorgung heute auf eine Kombination aus einer Einheitskasse und hybriden privaten und/oder staatlichen Anbietern. Das VPC-Modell eignet sich jedoch ebenso für Länder mit Einheitskasse wie für Länder mit eingeschränkter persönlicher Grundversorgung wie etwa China, wo ein Mangel an Hausärzten herrscht. Im Falle Japans, wo die meisten Kliniken noch auf der Grundlage von Papier und Fax organisiert werden, dürfte die Telemedizin Gesundheitsversorgern zudem den Sprung ins digitale Zeitalter erleichtern: mithilfe elektronischer Patientenakten nach dem Prinzip „Software as a Service“ (SaaS). Immer mehr Anbieter in den öffentlichen und privaten Gesundheitssystemen erkennen das Potenzial der virtuellen Gesundheitsversorgung und suchen aktiv den Dialog mit großen Telemedizin-Unternehmen, um den Wandel der medizinischen Versorgung entweder als Quasi-Outsourcing-Modell oder im Rahmen von Technologie-Lizenzen zu fördern.

Entscheidungsgrößen für Gewinner: Marke, Kompatibilität und Datenschutz

Sollte die virtuelle medizinische Grundversorgung tatsächlich zum ersten Anlaufpunkt bei der Massenversorgung werden, dürften jene Anbieter zu den Gewinnern zählen, die zu diesem Zeitpunkt über einen starken, bei Verbrauchern bekannten Markennamen verfügen, der Vertrauenswürdigkeit vermittelt, und die sich auf reibungslos funktionierende Benutzererfahrungen stützen.

Die VPC-Plattform sollte zudem mit den weiteren IT-Systemen des jeweiligen Gesundheitssystems kompatibel sein, reibungslose Datenströme ermöglichen und gleichzeitig im Einklang mit den Datenschutzbestimmungen der unterschiedlichen Rechtssysteme stehen.  Daher dürften Unternehmen im Vorteil sein, die bereits in der Vergangenheit auf Digitalisierung und cloudbasierte Anwendungen gesetzt haben. Potenzielle Gewinner müssen darüber hinaus starke Verkaufskompetenzen gegenüber den verschiedenen Interessensgruppen des Gesundheitssystems aufweisen, das heißt gegenüber Arbeitgebern (im Falle der USA), Zahlungspflichtigen, Anbietern und Verbrauchern.

Traditionellen Wirtschaftszweig skalierbar machen

Das Gesundheitswesen ist traditionell eine lokal geprägte, fragmentierte Branche, die durch die erforderliche physische Nähe von Patient und Anbieter Einschränkungen unterliegt. Die medizinische Grundversorgung, die für die Patienten die erste Anlaufstelle im Gesundheitssystem ist, bietet nur begrenzte Skaleneffekte. Die virtuelle medizinische Grundversorgung verspricht, diesen traditionellen Wirtschaftszweig skalierbar zu machen, indem das Konzept der Distanz neu definiert und der Verwaltungsaufwand für Ärzte gesenkt wird – ganz zu schweigen von der Möglichkeit die Kosten zu reduzieren, die mit dem Betrieb einer physischen Praxis einhergehen.

Telemedizin und die Vision einer umfassenden virtuellen Gesundheitsversorgung haben unserer Meinung nach das Potenzial, das bestehende Gesundheitssystem grundlegend zu verändern und Patienten auf einzigartige Weise zu vernetzen und zu versorgen – und zwar nutzerfreundlich und effizient.
Thomas Amrein ist Portfoliomanager und Fang Liu Analystin des Credit Suisse (Lux) Digital Health Equity Fund.

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