Abschwung in den Sommer

Ulrich Kirstein mit der Presseschau am Freitag
Ulrich Kirstein / Bild: BBAG/Killius
Dass der Sommer ausgebrochen ist und Corona weiterhin herrscht, merkt man daran, welche Artikel nicht zu haben sind: Nach Klopapier und Hefe sind jetzt Picknickkörbe Mangelware. So wenigstens auf dem Titel der Süddeutschen Zeitung unter „Freiluft-Kulinarik“ zu lesen. Selbst zu packen scheint viele zu überfordern, die im Freien dinieren wollen. Näheres gibt es dann im Feuilleton – wo ja oft die interessanten Wirtschaftsthemen stehen. Während die Temperaturen, zumindest im Süden, steil nach oben gingen, schlug die Konjunktur die gegenteilige Richtung ein: „Deutsche Wirtschaft bricht ein“ titelte die heutige Süddeutsche Zeitung, wahlweise konnten wir auch lesen „Deutschlands Wirtschaft erlebt einen beispiellosen Einbruch (Die Welt) oder „Deutsche Wirtschaft stürzt in tiefe Rezession“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) „Historischer Tiefschlag für die Wirtschaft“ (Augsburger Allgemeine) und, eine Nummer größer, im Handelsblatt: „Welt im Abschwung“. Das sitzt. Schönes Wochenende!

Ernte vor Erntedank

Noch dauert es seine Zeit bis zum Erntedankfest (Anfang Oktober), doch Börse Online verspricht „Reiche Ernte“ mit einem Bäumchen, das Geldscheine trägt. Sieht ein wenig nach Bonsai aus, aber immerhin. Gemeint sind „zehn grundsolide Dividendenaktien mit nachhaltig hoher Rendite“. Sollen wir welche verraten? Nun, in Europa ist es beispielsweise Carlsberg (Bier geht immer, obwohl der Bierabsatz ja gelitten hat durch Corona) und in den USA Procter & Gamble (gewaschen werden sollte auch). Bescheiden nimmt sich dagegen Focus Money aus: „Ich will nur, dass mein Geld Rendite bringt“, heißt es auf dem Titel. Wer will das nicht? Dann aber präzisiert das Blatt: „Wie Sie pro Jahr 6 bis 10 Prozent verdienen und dabei niemals Ihr Kapital gefährden“. Mit Bankeinlagen gelingt das wohl nicht, mit manchen Dax-Aktien aber auch nicht. „Die Milliardärsformel“ hat hingegen die WirtschaftsWoche ausgemacht. Denn die Milliardäre Elon Musk, Jeff Bezos und Bill Gates verbindet nicht nur der Erfolg, sondern auch die Art zu denken.

Klug, oder doch nicht

„Nie zuvor in der Geschichte der Finanzmärkte waren Realwirtschaft und Börsenwelt derart entkoppelt“ schreibt Gabor Steingart in seinem vielgelesenen Newsletter Steingarts Morning Briefing (Freitag). Insbesondere die Technologiebörsen feiern „kein Fest, sondern eine Orgie“ so Steingart. Auch die Frankfurter Allgemeinen Zeitung fragt, „Was Ökonomen von der positiven Börsenstimmung halten“ (Donnerstag). Danach glaubt der Kapitalmarktforscher Richard Stehle an die Rationalität der Märkte, die gute Bewertung des Dax komme daher, dass es Gewinner und Verlierer der Krise gebe, diejenigen, die sie bewältigten, hätten jedoch gute Zukunftschancen. Den Gegenpart gibt einmal mehr der US-Ökonom Robert Shiller. Er ist der Meinung, dass die Investoren nicht wirklich durchblicken. Das Verhalten an den Märkten habe sich zwar an den Nachrichten über die Pandemie orientiert, hinkt aber zum einen hinterher und geben insgesamt keine logische Antwort auf die Nachrichten! Da schließen wir uns an, mit dem fehlenden Durchblick.

Die lieben Angestellten

Und dann stolperten wir mal wieder über eine Überschrift, weil genaues Lesen ja manchmal schwerfällt und vor allem bei über 30 Grad: „In Zukunft dürfen nur noch Angestellte schlachten“ stand auf dem Titel der Welt am Donnerstag. Ja, war es nicht immer umgekehrt, und erst wurden die Angestellten geschlachtet? Aber klar, es ging um die Schlachtenden bei Tönnies und nicht die Schmachtenden am Schreibtisch.
 
Und noch ein Nachtrag: Die Süddeutsche Zeitung lädt in großformatiger Anzeige zum Wirtschaftsgipfel im November 2020 ein, optimistisch vor Ort und digital. Unter „2021: Der Weg aus der Krise“ werden drei Panels mit hochkarätigen Speakern geboten. Und das sieht dann so aus: Thema Gesundheit und Sicherheit, 6 Männer, 2 Frauen; Digitalisierung und Arbeit: 6 Männer, 4 Frauen; Umwelt und Nachhaltigkeit: 4 Männer und 4 Frauen. Hätte es noch ein viertes und fünftes Panel gegeben, wäre die Frauenquote noch erreicht worden. Gibt es aber nicht.

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