Gold - Auf dem Weg zu neuen Höhenflügen

Nitesh Shah , Wisdom Tree
Nitesh Shah /Bild: Wisdom Tree
Gold ist der einzige wichtige Rohstoff, der seit Jahresbeginn in der ersten Jahreshälfte 2020 Zuwächse verbuchen konnte. Durch die COVID-19-Krise sind die Pläne für 2020 vollkommen aus den Fugen geraten. Beispielsweise erwartete der Internationale Währungsfonds zu Beginn des Jahres noch ein BIP-Wachstum von 3,3 Prozent. Dieses wurde auf -4,9 Prozent nach unten korrigiert. Bei zyklischen Anlagen kam es zu hohen Verlusten, während defensive Anlagen wie Gold und US-Treasuries florierten. Doch in den letzten Monaten haben zyklische Anlagen ein Comeback gestartet, als ob für diese Märkte eine v-förmige wirtschaftliche Erholung zu erwarten wäre. Die tatsächlichen Wirtschaftsdaten sprechen jedoch leider nicht für eine schnelle Erholung der Wirtschaft. Ein Allzeithoch mag der Aktienindex S&P 500 zwar knapp verpassen, im Juni stieg er aber kurz auf sein Niveau vom Jahresanfang. Der technologielastigere Nasdaq Composite konnte Allzeithochs erzielen, während weniger auf Technologie spezialisierte und globale Indizes, wie der MSCI ACWI, nicht so gut abgeschnitten haben. Ihre Erholung kann aber trotzdem als v-förmig bezeichnet werden. Auch bei Industriemetallen und Öl kommt es zu einer kräftigen Erholung, jedoch nicht ganz so deutlich wie bei Aktien. Könnten diese guten Entwicklungen Gold ins Verderben schicken? Oder wird Gold weiterhin in der Gunst stehen?
Quelle: WisdomTree, Bloomberg. Stand der Daten: 25. Juni 2020. Alle Daten am 01.01.2020 auf 1 umbasiert. Ein direktes Investment in einen Index ist nicht möglich. Die historische Performance ist kein Anhaltspunkt für die künftige Performance und jedes Investment kann im Wert sinken.
Um nach der Positionierung auf den Gold-Futures-Märkten zu urteilen, ist die Stimmung im Hinblick auf Gold von ihren Allzeithochs abgerückt (Abbildung 2)
Quelle: WisdomTree, Bloomberg. Stand der Daten: 25. Juni 2020. Alle Daten am 01.01.2020 auf 1 umbasiert. Ein direktes Investment in einen Index ist nicht möglich. Die historische Performance ist kein Anhaltspunkt für die künftige Performance und jedes Investment kann im Wert sinken.

Gold auf ETCs auf Rekordhoch

Wird diese Reihe aber um das offene Interesse an allen Gold-Futures bereinigt (durch die Betrachtung der spekulativen Netto-Positionierung als Anteil am offenen Interesse), wie in Abbildung 3 dargestellt, wird ersichtlich, dass die Reihe die Hochs von 2009 in diesem Jahr nicht erreichen konnte. Im Februar 2020 war das offene Interesse an Gold-Futures ebenfalls hoch, weshalb diese bereinigte Reihe etwas unterhalb der Rohdaten für die Netto-Positionierung lag. Gleichermaßen fiel der seitherige Rückgang bei der spekulativen Netto-Positionierung zeitlich ebenfalls mit einem rückläufigen offenen Interesse zusammen. Wir schreiben den Rückgang beim offenen Interesse den Verwerfungen auf den Gold-Futures-Märkten zu, die durch die COVID-19-Krise ausgelöst wurden (siehe physischer Goldmarkt im Jahr 2020). Die Stimmung unter den Investoren ist gegenüber Gold möglicherweise nicht so stark gesunken, wie die Rohdaten für die spekulative Positionierung (Abbildung 2) dies wiedergegeben, und in der Tat lassen die Zuflüsse in Exchange Traded Products für Gold auf ein optimistischeres Bild schließen. Gold in Exchange Traded Products ist weltweit auf ein Allzeithoch von 102 Millionen Feinunzen gestiegen – zu Beginn des Jahres waren es noch 83 Millionen Feinunzen.
Quelle: WisdomTree, Bloomberg. Stand der Daten: 25. Juni 2020. Alle Daten am 01.01.2020 auf 1 umbasiert. Ein direktes Investment in einen Index ist nicht möglich. Die historische Performance ist kein Anhaltspunkt für die künftige Performance und jedes Investment kann im Wert sinken.
Unseres Erachtens wird es in der Weltwirtschaft zu einer u-förmigen Erholung kommen. Unserer Ansicht nach ist das Ausbleiben einer v-förmigen Erholung der Wirtschaft, während verschiedene Anlagen hohe Gewinne verzeichnen, ein starkes Anzeichen dafür, dass sich wieder Anlageblasen bilden. Obwohl die Finanz- und Währungsbehörden in dieser Krise versucht haben, neben den Investoren auch vermehrt die Wirtschaft zu begünstigen, war bei Risikoaktiva eine übermäßige Wertentwicklung zu beobachten. Mögliche negative Konsequenzen einer Blase könnten sich für den Goldpreis als positiv erweisen. In unserem „Anlageausblick 2020“ stellten wir die Frage: „Könnte die Fiskalpolitik bei wenig geldpolitischem Spielraum zur neuen Geldpolitik werden?“ Obwohl wir die Fähigkeit der Zentralbanken zu einer fortgesetzt expansiven Geldpolitik wohl unterschätzt haben, hatten wir insofern recht, dass wir uns einer Form der Modern Monetary Theory nähern, bei der die Zentralbanken einen größeren Anteil an der Staatsverschuldung anhäufen, um Finanzinstitutionen weiterhin ihre Ausgaben zu ermöglichen. Wenn sich die Wogen glätten, wird die Nachhaltigkeit eines solchen Vorgehens auf den Prüfstand gestellt werden. In der Staatsschuldenkrise von 2011 erreichte Gold sein Allzeithoch in der Tat deshalb, weil das Metall als Absicherung gegen die zunehmenden Schuldenprobleme im Euro-Raum stark nachgefragt wurde.

Eine steigende Schuldenlast und Inflationsdruck könnten erst in mehr als einem Jahr eine echte Gefahr darstellen und damit außerhalb des einjährigen Prognosezeitraums dieses Ausblicks liegen, die Investoren werden diese potenziellen Probleme aber im Voraus einkalkulieren. Die Nachfrage nach Gold wird unseres Erachtens auf einem erhöhten Niveau verbleiben, da die Investoren eine Absicherung gegen wachsende finanzielle Probleme anstreben.

Außerdem finden in diesem Jahr in den USA Präsidentschaftswahlen statt. Im Wahljahr 2016 erreichte die Positionierung in Gold-Futures vor einer Wahl mit einem engen Ausgang ein neues Hoch. Nach dem Sieg von Trump preisten die Märkte eine unternehmensfreundliche Wachstumspolitik ein und die Positionierung in Gold wie auch die Goldpreise waren rückläufig. Heute lassen die Umfragen darauf schließen, dass der Präsidentschaftskandidat Biden gegenüber Trump eine sehr große Mehrheit hat. Natürlich liegen die Wahlen noch weit entfernt und die Fähigkeit der Umfragen bei der Vorhersage von Wahlausgängen lässt einiges zu wünschen übrig. Auch ist die Dynamik heute eine vollkommen andere. Bei den letzten Wahlen waren Obamas zwei Amtszeiten vorüber und der Kandidat der Demokraten war zu diesem Zeitpunkt im Zyklus noch nicht bekannt. Doch zu diesem Zeitpunkt im letzten Wahlzyklus lagen Hillary Clinton und Donald Trump Kopf an Kopf4. Es ergeben sich weitere Unsicherheiten daraus, dass wir nicht wissen, ob der Sieger der Präsidentschaftswahlen die Unterstützung des House of Representatives und des Senats haben und somit in der Lage sein wird, seine Politik durchzusetzen. Zum Zeitpunkt des Verfassens lässt sich ein Wiederaufflammen des Handelskonflikts zwischen den USA und anderen Ländern wie China beobachten. Der Verlauf dieser Gespräche könnte unterschiedlich ausfallen, wenn Trump oder Biden zum Präsidenten gewählt werden. Was auch bei diesen Wahlen passiert, unseres Erachtens werden die Investoren Absicherungen anstreben, während wir uns auf einen Zeitraum zubewegen, der für die Anlagemärkte häufig turbulent ausfällt.

Zu guter Letzt steigt zum Zeitpunkt des Verfassens die Zahl der COVID-19-Fälle in Regionen der Welt, die ihre Lockdown-Maßnahmen gelockert haben, darunter in den USA, in China und Teilen von Europa. Wenn die Lockdowns wieder eingeführt werden müssen, könnte die Risikobereitschaft einen Dämpfer erhalten und Gold als sichere Anlage wieder in der Gunst stehen.

Szenarien anhand des WisdomTree Modellrahmens

Mithilfe unseres Modellrahmens, der im Artikel „Gold: So bewerten wir Edelmetalle“ erläutert wird, arbeiten wir einige Szenarien für die Goldpreise bis ins zweite Quartal 2021 aus.
Quelle: Modellprognosen von WisdomTree, historische Daten von Bloomberg. Stand der Daten: 25. Juni 2020. Alle Daten am 01.01.2020 auf 1 umbasiert. Ein direktes Investment in einen Index ist nicht möglich. Die historische Performance ist kein Anhaltspunkt für die künftige Performance und jedes Investment kann im Wert sinken.
In der Abbildung stellen wir drei unterschiedliche Prognosen dar:
 
  • Konsens – basierend auf den Konsensprognosen für den gesamten makroökonomischen Dateninput und der Annahme, dass sich die Anlegerstimmung im Hinblick auf Gold auf dem heutigen Niveau hält.
  • U-förmig – das Basisszenario von WisdomTree, das von einer u-förmigen wirtschaftlichen Erholung ausgeht.
  • Bärenszenario – eine v-förmige wirtschaftliche Erholung bei sehr niedriger Inflation.
Eine detailliertere Analyse der drei Prognosen finden Sie hier!
Nitesh Shah ist Director Research beim ETP-Anbieter WisdomTree.

Im Artikel erwähnte Wertpapiere

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Populäre Aktien

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