Sieben Lektionen für Investoren in der COVID-19-Krise

Knut Gezelius, Skagen Global
Knut Gezelius / Bild: Skagen Global
Aus dem durch die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie verursachten Crash an den weltweiten Aktienmärkten lassen sich für Anleger sieben Lektionen ableiten. Einige erinnern an frühere Marktverwerfungen, andere deuten auf neue Marktdynamiken hin, die das künftige Anlegerverhalten bestimmen könnten. Die Pandemie bietet eine ideale Projektionsfläche, um Markteffizienz zu veranschaulichen, gängige Mythen zu entlarven und populäre Hypothesen zu überprüfen. Im Folgenden die sieben wichtigsten Lektionen für Anleger aus unserer Sicht:

1. Versuchen Sie nicht, Markt-Timing zu betreiben.

In den letzten Jahren haben Marktkommentatoren das Ende des Bullenmarktes vorhergesagt, der nach der Finanzkrise im März 2009 begann und schließlich im März 2020 endete; eine Rekordlaufzeit von 11 Jahren. Während dieser Zeit gab es Hunderte von überzeugend geschriebenen Forschungsberichten, die argumentieren, dass die Hausse schon lange Zeit andauere und daher ein weiterer Crash unmittelbar bevorstehe. Allerdings haben nur wenige Kommentatoren (wenn überhaupt welche) genau vorhergesagt, dass die Märkte im März 2020 aufgrund einer Pandemie, die einen beispiellosen Stillstand durch einen weltweiten Lockdown auslöst, zusammenbrechen werden.
 
Eine Kristallkugel, die sowohl den Zeitpunkt als auch den Grund für einen Börsencrash nicht genau
erkennen lässt, ist nur von begrenztem Nutzen und kann Investoren eher schaden als nutzen.

2. „Cash is king“ stimmt nicht – bleiben Sie voll investiert.

Der beliebte Ausspruch „cash is king" impliziert, es sei ratsam, Bargeld zur Verfügung zu halten, um es einsetzen zu können, wenn der Markt auf ein attraktiveres Niveau zurückfällt. Das ist zwar gut gemeint, schadet langfristigen Anlegern aber aus zwei Gründen eher, als dass es ihnen nützt.
 
Erstens ist die Rendite auf Bargeld im heutigen Niedrigzinsumfeld im Wesentlichen gleich Null. Langfristig orientierte Anleger, die einen Teil ihres Geldes in Cash vorhalten, entscheiden sich implizit dafür, nicht vollständig investiert zu sein, und verzichten damit auf eine Marktrendite.
 
Zweitens erfordert es immense mentale Stärke, den entscheidenden Schritt zu tun, gegen den Strom zu schwimmen und Barmittel einzusetzen, wenn der Markt fällt. Leider haben wir die Erfahrung gemacht, dass sowohl professionelle als auch private Anleger selten mit Überzeugung handeln, wenn sich die Gelegenheit bietet.
 
Investoren, die Bargeld horten, riskieren, auf beiden Seiten zu verlieren. Erst verpassen sie die Marktrally vor dem Absturz und dann verpassen sie in der Regel, inmitten der Panik einzusteigen, während der Markt rasch wieder zu den Höchstständen vor dem Absturz zurückkehrt..

3. Es gibt keine Blasenbildung bei passiven Investments – zumindest noch nicht.

Aktive Manager beklagen seit Langem, dass die quantitative Lockerung der Zentralbanken, die Verbreitung von ETFs und Momentum-Strategien den Aktienmarkt verzerren, denn sie wirken einebnend und unterdrücken Volatilität. Dadurch erhöhen sich die Korrelationen und es wird für aktive Investoren schwieriger, die Benchmarks zu schlagen. Allerdings stieg der Volatilitätsindex VIX am 16. März 2020 inmitten der pandemiebedingten Marktverwerfungen auf ein 30-Jahres-Hoch. Daraus ließe sich folgern, der Aktienmarkt sei während dieser Turbulenzen zum „Stockpicker-Paradies“ geworden.
 
Ein Blick auf die Erfolgsbilanz von rund 5.000 aktiv verwalteten Aktienfonds in der Datenbank von Bloomberg fällt jedoch ernüchternd aus: Mehr als zwei Drittel der aktiven Fonds lagen im März und im ersten Quartal unter ihrer jeweiligen Benchmark. Aktive Manager müssen sich also weiter anstrengen, um ihre Existenz zu rechtfertigen, denn passive Anlagen dürften ihren Marsch zur Marktbeherrschung fortsetzen. Allerdings gibt es einen kleinen Grund zur Hoffnung: Nahezu ein Drittel der aktiven Manager erzielten eine – in manchen Fällen beträchtliche – Outperformance und sind daher für Anleger möglicherweise eine (viel) bessere Option als ein „Plain Vanilla“-Indexfonds.

4. Value-Aktien mit niedrigen Multiples sind nicht defensiv.

In den vergangenen zehn Jahren war es unter Value-Investoren ein gängiges Mantra, dass die angeschlagenen Value-Aktien, die mit niedrigen Kursgewinnen oder Kursbuchkennzahlen gehandelt werden, aufgrund des Schutzes, den diese niedrigen Multiplikatoren bieten, defensiv wären. Die COVID-19-Krise hat diese Hypothese widerlegt. Ein Vergleich der Renditen der beiden wichtigsten globalen Aktienindizes, des MSCI AC World Growth und MSCI AC World Value, während des Marktabschwungs zeigt, dass Growth zwischen dem 12. Februar und dem 23. März 2020 um 30 Prozent sank, während Value im gleichen Zeitraum um 37 Prozent fiel.
 
Unserer Meinung nach liegt das mitunter an der obsolet gewordenen traditionellen Definition von Value-Investments, die immaterielle Vermögenswerte aufgrund veralteter Rechnungslegungsgrundsätze in den Jahresabschlüssen nur unzureichend erfasst. Wir würden sogar so weit gehen zu behaupten, dass das gesamte Konzept des „Value Investing“, wie es typischerweise von Datenanbietern wie MSCI und Morningstar beschrieben wird, einer vollständigen Überarbeitung bedarf, um die Welt, in der wir heute leben, besser abzubilden..

5. Der Glaube, dass „Dividenden nicht lügen“, ist weitgehend eine Illusion.

Eines der am meisten missverstandenen Konzepte unter Investoren ist die Rolle von Dividenden. Ein weit verbreiteter Glaube besagt, dass eine hohe Dividendenrendite signalisiert, dass eine Aktie unterbewertet ist, und Investoren bei langfristigen Investitionsentscheidungen einer hohen Rendite Vorrang vor der Gesamtrendite (Kursanstieg plus Dividendenrendite) einräumen.
 
Zwar ist richtig, dass reinvestierte Dividenden langfristig einen bedeutenden Teil der Gesamtrendite
ausmachen können, dazu muss die Dividende aber sowohl nachhaltig als auch beträchtlich sein. Leider führt eine hohe Dividendenrendite oft zur Versuchung, kurzfristig einen hohen Gewinn einzustecken.
 
Tatsächlich haben diejenigen, die zu Beginn des Jahres in Aktien mit hoher Rendite investierten, Schläge aus verschiedenen Richtungen eingesteckt. Viele Unternehmen mit hohen Dividendenrenditen standen bereits vor der Pandemie auf wackligem Füßen – mit ungesunden Ausschüttungsquoten und sich verschlechternden Fundamentaldaten. Der wirtschaftliche Kahlschlag infolge der Pandemie-Auswirkungen war möglicherweise der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, und führte bei jenen, die im Verhältnis zu ihrer wahren Ertragskraft überproportional ausschütten, zu radikalen Dividendenkürzungen, die oft mit einem gleichzeitigen Kursverfall der Aktien einhergingen.

6. Technologie verdient Aufmerksamkeit, nicht Verachtung.

Die COVID-19-Krise hat gezeigt, wie stark Technologie im Alltag verankert ist. In der Tat scheint ein Leben ohne Internet, elektronischen Zahlungsverkehr und Online-Shops allmählich unvorstellbar. Wir gehen davon aus, dass Verbraucher nur bei erheblichen wirtschaftlichen Einbußen ihre Ausgaben in diesen Bereichen einschränken würden, was uns zu der Frage führt, ob einige Technologieunternehmen den neuen Grundstock an Aktien bilden, die stabile Erträge und wachsende Cashflows zeigen.
 
Aus Sicht von Bottom-up-Investoren wird jedes Unternehmen grundsätzlich isoliert beurteilt. Daher scheint es uns zu einfach, die Technologiegiganten als Blase abzutun.

7. Man sollte den Markt nicht naiv als irrational abtun.

Es ist einfach, den Markt als irrational zu bezeichnen, doch wir glauben, dass diese Behauptung während der COVID-19-Krise nachdrücklich widerlegt wurde. Als Kalifornien zum Beispiel als erster US-Bundesstaat einen strengen Lockdown einführte, war der globale Aktienmarkt bereits in einem Monat um 30 Prozent gefallen.
 
Ebenso scheint der Markt erkannt zu haben, dass die wirtschaftliche Erholung möglicherweise schneller vonstattengeht als allgemein angenommen. Während laut einer Umfrage der Bank of America unter globalen Fondsmanagern im April nur 15 Prozent der Befragten (und 10 Prozent im Mai) an eine V-förmige Erholung glaubten, erlebte der MSCI AC World Index ein beeindruckendes Comeback und stieg zwischen dem 19. März und dem 5. Juni um 34 Prozent. Ein abschließendes Urteil steht uns nicht zu, ob der Markt oder die befragten Fondsmanager letztlich Recht behalten werden. Wenn wir jedoch gezwungen wären, würden wir auf den Markt setzen.

Fazit

Jede Krise hat natürlich Gewinner und Verlierer, und die COVID-19-Pandemie ist in dieser Hinsicht nicht einzigartig. Wer hätte Anfang Januar geahnt, dass der weltgrößte Hersteller von Gummihandschuhen und eine Videokommunikationsplattform fünf Monate später zu den Top-5-Performern im globalen Index gehören würden? Solche Datenpunkte machen zwar gute Schlagzeilen, bieten aber in Wirklichkeit wenig Anhaltspunkte für zukünftige Investitionserfolge. Langfristige Anleger sollten daher die jüngsten Ereignisse analysieren, um wichtige Lehren zur Verdeutlichung derjenigen Anlageprinzipien zu ziehen, die bis, während und nach der nächsten Krise zu erheblicher Vermögensbildung beitragen. Wird es nicht bald Zeit, mit der Vorhersage zu beginnen, wann und wie die nächste Krise zuschlagen wird?
Knut Gezelius ist seit Mai 2014 Portfolio Manager des globalen Aktienfonds SKAGEN Global und seit November 2014 dessen Lead Manager. Knut kam von Goldman Sachs Asset Management in London, wo er als Executive Director im Global Equity Team tätig war. Zuvor war Knut Senior Lead Analyst bei Entergy Corporation in Houston und Senior Consultant bei Applied Value Group in Boston. Knuts berufliche Erfahrungen erstrecken sich über mehrere Länder und Branchen. Er ist CFA Charterholder und besitzt zusätzlich einen MBA der Hochschule INSEAD, Frankreich/Singapur. Zudem verfügt er über einen Bachelorund Masterabschluss (BSc & MSc) in Nukleartechnik vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), USA.