Eigentum verpflichtet – auch an der Börse

Thomas Olek
Thomas Olek
Eigentum verpflichtet. So steht es im Grundgesetz. Viel Eigentum verpflichtet noch mehr, möchte ich ergänzen. Das gilt auch an der Börse. Im Grundgesetz heißt es erläuternd, der Gebrauch des Eigentums solle auch dem Wohl der Allgemeinheit dienen. Darunter darf man neben gesellschaftlicher Verantwortung ebenfalls Mitarbeitende und Kunden verstehen – aber als Großinvestor auch die Mitaktionäre im Unternehmen. In der (Eigentümer-)Gemeinschaft eines Unternehmens sollte der Stärkere auch für die weniger starken Partner und Mitstreiter Verantwortung tragen. Ein eventuell auf den ersten Blick eigenwilliger Gedanke, ist doch ein Unternehmen kein Kleingartenverein und die Börse keine Blümchenwiese. Vielmehr gilt der Kapitalmarkt gemeinhin als Haifischbecken, in dem jeder Anleger nach seinem eigenen Vorteil und der nach der Optimierung des eigenen Gewinns trachtet. So habe ich Kapitalmarkt früher auch verstanden. Eine lebensbedrohend und sehr langwierige Corona Erkrankung hat meine Perspektive erweitert.
 
Wenn das Grundgesetz fordert, das Eigentum solle „auch“ dem Wohl der Allgemeinheit dienen, dann impliziert dies ja durchaus eine mögliche Gleichrichtung der eigenen und der kollektiven Interessen.  In starken Börsenphasen, bei kontinuierlich steigenden Aktienkursen ist dies einfacher herzustellen als in krisenhaften Perioden, wie in den vergangenen Monaten. Dann ist Verantwortung besonders gefragt, aber auch besonders schwierig.

Verantwortung in der Krise

Als Großaktionär der publity AG habe ich erlebt, wie die schwächelnden Aktienkurse einher gehen mit einer tiefgreifenden Wirtschaftskrise, Rezession und Inflation. Dies führte bei manchem Privataktionär mit begrenzter Finanzkraft dazu, dass Aktiennotverkäufe getätigt werden mussten, um Finanzlöcher zu stopfen. Eine Notlage. Für viele Großaktionäre sind die Kursdellen hingegen schmerzlich aber nicht substanziell beunruhigend. In dieser Situation habe ich meine Verantwortung als Großaktionär und meine Verpflichtung als starker Eigentümer so interpretiert, dass ich nicht mit Aktienkäufen gewartet habe, bis die Kurse meiner Unternehmen einen Tiefpunkt erreicht hatten. Das hätte meine Einstiegskurse zwar optimiert und meinen wirtschaftlichen Vorteil maximiert, wäre aber in ungebührlichem Maße zu Lasten der Mitaktionäre gegangen. Entsprechend habe ich über einen Zeitraum von mehreren Monaten regelmäßig – fast täglich – und jeweils in signifikanter Größenordnung publity-Aktien an der Börse gekauft. So wie ich es auch in vorherigen Schwächephasen an der Börse gehalten habe. 2022 haben sich meine Aktienkäufe bei publity auf einen hohen einstelligen Millionen-Euro-Betrag summiert. Der Kurs der Aktie hat sich vielleicht auch aus diesem Grund im Branchenvergleich deutlich besser gehalten.

Verantwortung ist kein Altruismus

Die Verantwortung des Großaktionärs an der Börse soll dabei keinesfalls mit Altruismus gleichgesetzt werden. Ein Ankerinvestor profitiert natürlich in nicht unbeträchtlichem Umfang von dem gewonnenen Vertrauen und der gestiegenen Glaubwürdigkeit, wenn er als stabilisierender Faktor bei Mitaktionären und Privatanlegern etabliert ist. Selbst ehemalige Aktionäre könnten zurückkommen, wenn ihre wirtschaftliche Lage und die Zeiten an der Börse besser geworden und sie nicht in der Krise zu Tiefstkursen aus dem Unternehmen gedrängt worden sind. Und natürlich führt regelmäßiger Aktienerwerb im Downtrend unter dem Strich immer noch durchschnittlich zu einem attraktiven Kaufkurs für den Großaktionär.

Finanzielle Stärke und Flexibilität sind notwendig

Um als Großaktionär Verantwortung an der Börse zu übernehmen, braucht es finanzielle Stärke als Basis. Entsprechend halte ich es für notwendig, dass Großaktionäre diese Stärke in positiven Börsenphasen aufbauen können. Nur dann können sie in Schwäche auch kraftvoll agieren. Geeignete Mittel, um finanzielle Spielräume zu schaffen, können Ausschüttungen oder auch Verkäufe von Aktienpaketen sein, wenn die Geschäftslage boomt und die Aktienkurse steigen. Andere Miteigentümer sollten dem ohne Missgunst begegnen.
 
Die von mir skizzierte Verantwortung des Ankerinvestors ist in der Praxis oft in unterschiedlichem Maße umsetzbar. Kapitalsammelstellen, die ihren Anlegern verpflichtet sind, tun sich fraglos schwerer, als flexible Gründer oder HNIs, die „nur“ ihr Privatvermögen im Unternehmen investiert haben. Es wäre aber schon viel gewonnen, wenn in diesem Kreis das Bewusstsein vorhanden ist, dass die Verantwortung nicht nur für das Unternehmen insgesamt, sondern auch für die Mitglieder der Eigentümergemeinschaft besteht. Dies muss nicht bedeuten, auf alle eigenen Vorteile zu verzichten.
Thomas Olek ist Großinvestor, Gründer und war lange Vorstandsmitglied der Publity AG.

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