Sind die guten Nachrichten tatsächlich gut?

Olivier de Berranger, La Financière de L‘Echiquier
Olivier de Berranger /Bild: La Financière de L‘Echiquier
Eine neuerliche Feuerpause – dies ist das Ergebnis des enorm wichtigen Treffens zwischen Xi Jinping und Donald Trump am Rande des G20-Gipfels. Obwohl der US-Präsident seine Drohungen zuvor wiederholt hatte und von seinem chinesischen Amtskollegen eine harte Verhandlungsposition erwartet worden war, scheinen die beiden jeweils einen Schritt aufeinander zu gemacht zu haben. Trump sicherte zu, vorerst keine neuen Zölle zu verhängen. Darüber hinaus wollte der chinesische Führer erreichen, dass sämtliche Beschränkungen in Bezug auf Huawei aufgehoben werden und dem chinesischen Technologie-Konzern der Kauf von US-Produkten ermöglicht wird. Donald Trump ging auf seine Forderung ein, blieb aber mit der Aussage, Huawei dürfe Produkte kaufen, „die die nationale Sicherheit nicht bedrohen“, im Vagen. Demnach bleibt alles eine Frage der Auslegung. Donald Trump bekräftigte, China werde beginnen, „bedeutende Mengen landwirtschaftlicher Produkte“ zu kaufen. Insgesamt gesehen handelt es sich um einen Kompromiss auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner, der die Wiederaufnahme der Gespräche erlaubt, ohne jedoch die Hauptfragen wie z. B. den Technologietransfer oder das geistige Eigentum anzugehen.

Bis zu drei Zinssenkungen von der Fed erwartet

Dieses für die Märkte auf kurze Sicht positive Szenario könnte jedoch längerfristig zu einem ambivalenteren Ergebnis führen. Die Hausse vom Jahresanfang ist schließlich dem moderateren Kurs der Zentralbanken verdanken, der durch die schwachen makroökonomischen Daten sowie das Risiko im Zuge der Handelsauseinandersetzungen gerechtfertigt war. Aktuell erwarten die Märkte bis Jahresende von der US-Notenbank Fed bis zu drei Zinssenkungen. Jedoch würde mit der Beruhigung des Handelskonflikts für die Zentralbanken ein wichtiges Argument wegfallen. Eine Stabilisierung oder gar leichte Besserung der makroökonomischen Daten könnte die Währungshüter vielmehr dazu veranlassen, mit ihrer Reaktion deutlich von den Markterwartungen abzuweichen. Das letzte Quartal 2018 sollte jedoch eine Mahnung sein, welche Auswirkungen Enttäuschungen hinsichtlich der Geldpolitik auf die Märkte haben können.

Wird die Zinssenkung nur kosmetisch?

Der Ausgang des Treffens zwischen Xi und Trump dürfte die Fed vermutlich nicht davon abhalten, die Leitzinsen zumindest einmal, voraussichtlich auf der nächsten Sitzung im Juli, zu senken, zumal die aus den einzelnen Regionen gemeldeten Zahlen für das verarbeitende Gewerbe sehr schwach sind. Jedoch könnte die US-Notenbank es hierbei belassen. Die Tonlage in den wiederaufgenommenen Gesprächen zwischen den Vertretern Chinas und der USA sowie die nächsten Wirtschaftsdaten werden entscheidend sein. Ebenso wie die Haltung Trumps gegenüber der Fed. Mit seiner heftigen Kritik und den direkten Angriffen auf den Fed-Vorsitzenden Jerome Powell bringt der US-Präsident die Notenbank in eine heikle Lage. Durch eine deutliche Zinssenkung, die von Donald Trump per Twitter gefordert wird, könnte sie Zweifel an ihrer Unabhängigkeit gegenüber der Politik nähren.
 
Während die Handelskonflikte vorerst nachzulassen scheinen, würde eine leichte Besserung der Konjunkturdaten der Fed den idealen Anlass bieten, ihre Zinssätze nicht über eine kosmetische Korrektur hinaus zu senken und so ihre Unabhängigkeit gegenüber dem Weißen Haus zu bekräftigen. Die Märkte wären dann gezwungen, ihre Erwartungen deutlich zu korrigieren, was nicht reibungslos vonstattenginge. Dies würde aus der guten Nachricht einer Wiederaufnahme der Gespräche zwischen China und den USA eine schlechte Nachricht für die Märkte machen.
Olivier de Berranger ist Chief Investment Officer von La Financière de L‘Echiquier, Enguerrand Artaz Fondsmanager.