Investoren müssen kühlen Kopf bewahren

Die Marktszenarien, die noch zu Beginn des Jahres vorherrschten, sind wie Sand am Meer verweht. Der amerikanische Exzeptionalismus, der seit zwei Jahren glänzte und von dem alle glaubten, dass er sich fortsetzen würde, hat einen schweren Schlag erlitten. Belastet durch einen Einbruch der Handelsbilanz – selbst verursacht durch den Anstieg der Importe in Erwartung höherer Zölle – wird sich das US-Wachstum zumindest im ersten Quartal deutlich abschwächen. Die politische Unsicherheit drückt auf das Vertrauen der Unternehmen und der Haushalte. Der Arbeitsmarkt wird wieder schwächer, nicht zuletzt aufgrund der öffentlichen Stellenkürzungen durch Elon Musks Abteilung für Regierungseffizienz (kurz DOGE). All dies lässt die Märkte nicht unberührt. Mit einem Minus von 2,2 Prozent* seit Jahresbeginn schneidet der S&P 500 schlechter ab als die meisten globalen Aktienindizes.
Gute Gründe sprechen für Europa
Im Gegensatz dazu ist Europa, auf das zu Beginn des Jahres nur wenige Anleger noch die geringste Hoffnung setzten, wieder in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Und das ausnahmsweise aus guten Gründen. Der 800-Milliarden-Euro-Plan für Verteidigungsinvestitionen auf europäischer Ebene, ein schnellerer und substanziellerer Haushaltsaufschwung in Deutschland als vor den Bundestagswahlen im Februar erwartet und die vorübergehende Wiederherstellung der politischen Stabilität in Frankreich. Auch wenn die makroökonomischen Statistiken auf dem alten Kontinent derzeit noch mittelmäßig sind, haben diese positiven Aussichten die Anleger, die von der Instabilität in den USA verängstigt sind, dazu veranlasst, Europa als Investitionsziel neu zu überdenken. Angeführt vom Verteidigungssektor stieg der EuroStoxx um 12,8 Prozent* seit Jahresbeginn.
Auch in der Geldpolitik sind die Gewissheiten verschwunden. Zu Beginn des Jahres rechneten die Märkte mit nur einer Zinssenkung der US-Notenbank (Fed) im Jahr 2025. Viele Beobachter gingen davon aus, dass die Fed ihre Leitzinsen in diesem Jahr unverändert lassen würde, niemand dachte auch nur an das Risiko einer Zinsanhebung. Einige Wochen später rechnen die Anleger angesichts der Risiken für das US-Wachstum nun mit drei Zinssenkungen. Was die EZB betrifft, schien die Richtung klar zu sein: kontinuierliche Zinssenkungen mindestens bis zum Ende des ersten Halbjahres. Doch die von Deutschland angekündigte Fiskalpolitik und die damit einhergehende Erhöhung der Wachstumsaussichten lassen die Anleger – und nun auch die Zentralbanker selbst – zweifeln. Eine Pause bei der geldpolitischen Lockerung auf den nächsten Sitzungen scheint nun glaubwürdig.
Instabiles Umfeld für Investoren
Der Blick auf die Marktführerschaft hat sich ebenfalls verändert. Europa, das vor einigen Monaten noch verschmäht wurde, weckt nun den Appetit der Marktteilnehmer. Die Magnificent 7, jene US-amerikanischen Technologieriesen, die fast zweieinhalb Jahre lang die Märkte beherrschten, sind mit einem Rückgang von fast 11 Prozent* das Schlusslicht der Branche seit Jahresbeginn.
In diesem von Instabilität geprägten Umfeld müssen Investoren sich anpassen. Ein weiteres starkes Konzept des Buddhismus kann ebenfalls nützlich sein: upekkhā, Gleichmut. Angesichts der Vergänglichkeit hilft uns Gleichmut, übersteigerte emotionale Reaktionen zu vermeiden und alles mit gleichem Maßstab zu betrachten. Auf den Märkten bedeutet dies, jede Situation kühl zu betrachten, um Risiken und Chancen zu erkennen und dabei zu bedenken, dass morgen alles anders sein kann.
*Performance der reinvestierten Nettodividenden in lokaler Währung am 06.03.2025
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